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„Der Kapitalismus muss sterben, damit wir leben können“

Bluetown

Der folgende Beitrag über den Hambacher Forst war das Impulsreferat für den Hambacher Forst auf einer Podiumsdiskussion auf dem kommunistischen „Pfingstjugendtreffen“ am 23.05.’15. Das Motto der Diskussion lautete „Natur kaputt – Nicht mit uns!“ und angedachte Zielgruppe waren vor allem Jugendliche.
Für Schmunzeln sorgte im Verlauf der Diskussion insbesondere der Kommentar auf dem Podium: „Das mit der Sabotage ist mir persönlich ja zu anarchistisch.“ Insgesamt führte ein Bekenntnis für „Maschinenstürmerei“ in einem vor Allem marxistisch geprägten Umfeld natürlich zu einigen Grundsatzdiskussionen. Aber dagegen ist ja auch nichts einzuwenden…
Hier also der Impulsbeitrag:

Die Frage „Stirbt der Kapitalismus oder die Menschheit“ ist genau richtig: Nach dem gescheiterten Rio-Abkommen für den Klimaschutz, nach dem atomaren Super-GAU in Fukushima und mitten im größten Artensterben der Weltgeschichte ist klar: Das kapitalistische System ist unfähig, auf die ökologische Frage nachhaltige Antworten zu geben und sie umzusetzen – im Gegenteil.
Die nahe liegende Antwort auf diese Frage „Stirbt der Kapitalismus oder die Menschheit“ ist ja „Der Kapitalismus muss sterben, damit wir leben können“. Und natürlich stimmt das auch. Allerdings stehen wir vor dem Problem, dass wir ihn nicht so mal eben um die Ecke bringen können. Auf die Revolution warten können wir allerdings auch nicht – denn jetzt gerade wird an allen Ecken und Enden die Bewohnbarkeit des Planeten zerstört. Was hätten wir davon, irgendwann eine erfolgreiche Weltrevolution durchzuführen, um dann unsere gesellschaftlichen Utopien auf einem verwüsteten Planeten aufzubauen? Deshalb müssen wir jetzt direkt eingreifen, dort wo die Zerstörung passiert, und sie verhindern.
Das versuchen wir im Hambacher Forst. Dort baut der Energieriese RWE Braunkohle zur Stromgewinnung ab – eine der ineffizientesten und zerstörerischsten Energiequellen, die es gibt. Die Kohle wird im Tagebau gefördert, das heißt: Ganze Landstriche werden abgebaggert. Es entstehen Löcher, in deren Fläche ganz Köln verschwinden könnte und in der Tiefe drei mal der Kölner Dom. Dutzende Dörfer werden umgesiedelt. Der fruchtbarste Ackerboden Deutschlands wird unwiederbringlich zerstört. Genau so wie der Hambacher Forst: Ein Wald, der seit der letzten Eiszeit lebte, wurde innerhalb von ein Paar Jahrzehnten fast vollständig gerodet und abgebaggert und soll innerhalb der nächsten Jahre ganz vernichtet werden. So ein ursprünglicher Wald ist natürlich auch als Rückzugsort der überlebenden Artenvielfalt unersetzlich für die nachhaltige Landwirtschaft der Zukunft.
Um diese maßlose Zerstörung zu verhindern, ist der Wald besetzt: Mit Baumhäusern, Barrikaden und einer besetzten Wiese am Waldrand. Dort versuchen wir auch, einen nachhaltigen und freiheitlichen Lebensstil mit einem kämpferischen Alltag zu verbinden. Denn beide wären ohne den anderen nur der halbe Weg, aber zusammen verändern sie die Welt.
Unsere Anwesenheit bedeutet für RWE: Bevor der Wald gerodet werden kann, müssen immer wieder Besetzungen geräumt werden. Das lenkt öffentliche Aufmerksamkeit auf die Zerstörung und kostet viel Geld. Und je teurer das Wahnsinnsprojekt Braunkohlegewinnung wird, desto eher wird es fallen gelassen: Geld ist nunmal die einzige Sprache, die Kapitalisten verstehen.
In dem Sinne gibt es auch immer wieder Sabotageakte gegen RWE. Ein so großer Konzern hat einfach viel zu viele Maschinen in der Landschaft stehen. Und wenn er damit nichts anderes tut als Leute vertreiben und Umwelt zerstören, dann gehen die natürlich auch öfter kaputt. Und wenn die Maschinen von so einem Konzern immer öfter immer kaputter gehen, dann geht der Konzern natürlich auch umso schneller bankrott – und kann umso weniger Leute vertreiben und Umwelt zerstören. Und dann überlegen andere Konzerne auch dreimal, ob sie solche Maschinen kaufen und weiter betreiben wollen, die dauernd kaputt gehen.
Waldbesetzungen und Sabotage sind natürlich keine massentauglichen Aktionsformen. Das ist aber auch ein Vorteil, denn im Moment gibt es zwar keine revolutionären Massen, aber immer mehr entschlossene Menschen. Ich glaube sowieso, damit eine fortschrittliche Bewegung Erfolg haben kann, müssen ihre Mittel vielfältig sein – genau wie die Menschen, die für ihre gemeinsamen Ziele solidarisch zusammen kämpfen, und deren Ideen, mit denen sie sich gegenseitig infrage stellen und inspirieren.
Zur Frage, wie wir die Zerstörung des Planeten aufhalten können, würde ich also sagen: Es gibt darauf sehr viele Antworten. Das wichtige ist, dass möglichst viele Gruppen und Personen ihre eigenen Antworten suchen, immer wieder hinterfragen und dabei zusammen halten und von einander lernen. Ich glaube, dieser Weg ist auch ein notwendiger Beitrag zum Wachstum einer Bewegung, die den Kapitalismus nicht nur infrage stellen, sondern auch abschaffen und mit etwas Besserem ersetzen kann.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Es muss ja wirklich furchtbr sein jeden Tag aufzustehen und dem Weltuntergang ins fiese Auge zu blicken. „mit denen sie sich gegenseitig infrage stellen“ Tja das solltet ihr wirklich mal ausprobieren: sich in Frage stellen.
    Gespannt bin ich auch auf das, was euerer Meinung nach auf den „Kapitalismus“ folgen soll. Bitte um Antwort.

  2. Gute Frage, schwere Antwort. Ich habe übrigens in diesem Beitrag nichts von Weltuntergang gelesen, nur vom notwendigen und unumgänglichen Untergang des Kapitalismus. Aber für die Freunde des Kapitalismus – und das Hempelpei gehört anscheinend dazu – muss der Untergang des Kapitalismus wohl mit Weltuntergang gleichzusetzen sein. Fest steht: jedes menschliche Gesellschaftssystem ist bisher untergegangen, weil es irgendwann überholt war. Warum sollte der Kapitalismus da eine Ausnahme sein? Denn, so versichern uns gerade auch die Ökonomen, die dieses System befürworten, es beruht auf Wachstum. Sobald die Wirtschaft eine Weile nicht wächst, kriselt es. Nach dem Krieg, als alles kaputt war, konnte die Wirtschaft wachsen. Ein Wirtschaftswunder gerade in den Verliererländern Japan und Deutschland war die Folge, denn da war am Meisten kaputt. Der Kapitalismus muss entweder zerstören, um wieder wachsen zu können, oder er erstickt im eigenen Wachstum. Das wäre dann aber immer noch kein Weltuntergang. Es würde schlimmstenfalls die Mehrheit der Menschen untergehen, aber die übrige Natur würde sich irgendwann prächtig erholen. Ich persönlich würde es aber vorziehen, wenn der Kapitalismus vorher schon untergehen würde, ohne die Mehrheit der Menschen mitzureißen bei Dürren, Überschwemmungen, steigendem Meeresspiegel, Bürgerkriegen und ständig wachsenden Strömen von Flüchtlingen.
    Und wo wollen die alle hin? Richtig. Dahin, wo es noch relativ gut geht. Das wird alles nicht passieren? Liebes Hempelpei, mach die Augen auf: Es passiert schon. Und wer sehen kann, sehe: Der Zusammenhang zwischen der steigenden Zerstörung der Umwelt und dem Kapitalismus ist offensichtlich für alle, die den Mut haben zu sehen, dass der (unumgängliche) Untergang des Kapitalismus nicht gleichbedeutend ist mit Weltuntergang. Vielleicht geht aber dein Job unter. Mein Schwiegervater war Bergmann. Er hat dann aber erfolgreich umgeschult. Er hat bis zu seinem Tod die Besetzer im Hambacher Forst gelobt für ihren Weitblick. Folge seinem Beispiel, mach die Augen auf und schule um!
    Ach ja, deine Frage war doch: was kommt danach? Nun, das weiß ja niemand. Wir wissen nur, dass der Karren irgendwann feststecken wird und dass wir so gut wie möglich vorbereitet sein sollten. Mir schwebt da eine Gesellschaft vor, die nicht auf Ausbeutung von Menschen oder andere Natur beruht. Die mit wenig Macht auskommt. Das sind alles nur vage Vorstellungen, ich weiß. Aber wussten denn die Germanen, die das Römische Reich stürzten, so genau, was sie wollten? Wussten die Franzosen, die den König absägten, wirklich genau, was sie wollten? Sie wussten nur: “So geht es nicht weiter!” Und sie schwärmten von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Ach ja, noch was. Der Begriff Kapitalismus ist allgemein akzeptiert, auch unter Kapitalisten. Du kannst dir die Gänsefüßchen also sparen. Damit ist einfach das Wirtschaftssystem gemeint, in dem die Produktionsmittel (Fabrike, Tagebaue und so) in den Händen von Kapitalgesellschaften sind. Es können auch einzelne Menschen sein, aber das wird immer weniger. Die VerfechterInnen dieses Systems glauben, dass alle andere Interessen hinter denen des Kapitals zurücktreten müssten. Denn das ist ja der Ochse, der den Karren zieht. Uneinigkeit herrscht allerdings darüber, ob nicht dieser Ochse allmählich immer mehr zu einem Menschen und Natur fressenden Monster wird, das den Karren in den Dreck zieht.

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