Diesen Wald zu roden ist euer Ende. Nicht unseres. (Teil 1)

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Diesen Wald zu roden ist euer Ende. Nicht unseres.

-von Epsilon

Teil I

Das was viele Menschen, mehr und mehr Menschen zum Kampf im und um den Hambacher Wald sagen ist, dass es Profitgier ist, die diesen Wald zerstört. Ich sage es ist mehr als das – es ist Kapitalismus, so platt das klingen mag, und es ist Ausdruck der patriarchalen, kolonialistischen Lebensweise, die uns allen hier anerzogen werden soll.

Profitgier allein reicht nicht, diesen Wald gegen alle Widerstände zerstören zu wollen. Die Profitgier braucht und hat Handlangende, einen Nährboden, Menschen, die denken sie würden Gewinne davon tragen. Einen Staat, der das Vorhaben schützt. Mehr noch: umsetzt, finanziert. Doch für euch gibt es nichts zu gewinnen außer Ablehnung. Eine Freundin sagte ganz richtig: Ihr habt schon verloren.

Wir gewinnen, weil mehr und mehr Menschen erkennen, dass das wofür wir kämpfen, wofür dieser Wald seit Jahren besetzt ist, wofür Anwohner_innen seit über 40 Jahren eintreten, dass das die Zukunft ist. Die Alternativen, die wir vorleben, den Raum für das Experimentieren mit ihnen, sie sind so wertvoll, dass wir alles geben um diesen Ort zu schützen und zu verteidigen. Ein Freund gab sein Leben, ohne dass er oder irgendwer das so gewollt hätte.

Nicht einmal ökonomisch gewinnt ihr. Die Zeit der Drecksenergie ist vorbei, das habt selbst ihr verstanden. Ängstlich, Beleidigt, Rachsüchtig seit ihr wie ein verbitterter, gekränkter alter weißer Mann. Reden wollt ihr nicht, jedes Angebot engagierter Bürger_inneninitiativen schlugt ihr aus, Gesetzt ist Gesetzt, ihr seid nicht Schuld, habt nichts in der Hand, allein gelassen, Pflicht!, mimimi. Euer Abgesang.

Unser Aufbau der besseren Gesellschaft hakt selbstverständlich, denn ohne die riesigen Steine im Weg wäre es leichter euch alle davon zu überzeugen, nicht nur Teil unserer Twitter-Blase zu werden, nein von unserer Welt zu werden.

Wenn wir auf den Bäumen sitzen hören wir die Bagger, wumm. Wumm. Wumm. Wumm. Wumm. Unter der Erde ist es noch deutlicher, lauter, noch näher. Wummm. Wummm. Immer im Takt des riesigen Schaufelrads. Und ihre Flutlichter strahlen durch den Rest Himmel zwischen ihnen und uns. Und wenn es Abend ist, ist der Sonnenuntergang wunderschön, lang und rot, denn in der Luft fliegt all der Feinstaub, zusammen mit den giftigen Schwermetallen und radioaktiven Stoffen.
Es kann nicht genug auf die gesundheitlichen Schäden des Lochs hingewiesen werden. Es gilt daher auch all jener Toten zu gedenken, die durch den Tagebau krank wurden. Und wie viele nahmen sich das Leben aus Angst vor Umsiedlung oder Enteignung durch RWE. Allein gelassene Dörfer, Bewohner_innen, die an den Parlamentarismus glaubten, alle allein gelassen und ausgeliefert durch die Politik. Ob Regierung oder Opposition, wann hat sich denn mal wer für diese Menschen interessiert. Ein Grund mehr zu sehen: Der Fisch stinkt vom Koppe.

Was das bessere Leben ist, müssen alle Menschen für sich entscheiden, doch die bessere Gesellschaftsform, das bessere soziale Modell, das ich hoffe verbreiten, auszuprobieren, leben zu können, das fängt bei Selbstorganisation an und hört mit der Verteidigung dieser längst nicht auf. Der Wald ist in einer ganz bestimmten Art ein Freiraum für ein kleines Modell des freieren Lebens. Frei von längst nicht allen gesellschaftlichen Zwängen, aber von vielen. Frei als herrschaftsfreier Anspruch, nicht zu beherrschen und nicht unterdrückt zu werden. Frei als Herausforderung dich ehrlich mit dir selbst zu beschäftigen, da auch andere dies tun. Frei als Autonomie, Unabhängigkeit, als Eigenständigkeit und Kollektivität zugleich. Frei als Kollektiv, denn das ist es was wir werden wenn wir zusammen leben. Frei als Verantwortung für dich selbst, nicht mehr und nicht weniger, und füreinander.

Klar könnte ich aufzählen was das vom sonst „normalen“ Leben in dieser Gesellschaft unterscheidet. Doch das wisst ihr alle. Ihr kennt die Mechanismen, die Zahnräder, die die Welt wie sie bleiben soll weiter am Drehen halten. Zahnräder, an denen so viele sensible Menschen zugrunde gehen und dann auch noch denken sie seien selbst Schuld an ihrer Depression.

Während eines Waldspaziergangs sprach mich eine Frau an, sie wohne in der Stadt, alleine, gehe täglich Lohnarbeiten, und sie habe das bisher nie hinterfragt. Jetzt tue sie es, weil sie vom Hambacher Forst gehört habe, und sie wolle etwas ändern. „Wo kann ich anfangen?“, fragte sie. Ich überlegte lange was ich sagen soll. „Ich will so frei leben wie ihr hier. Wie geht das?“ setzte sie nach. In diesem Moment spielte sich mein ganzes Leben vor meinem Auge ab. All die Prozesse und Kämpfe, die ich hinter mir habe, in denen ich aktuell stecke, die noch vor mir liegen. Wichtig ist die Angst zu verlieren das eigene Leben zu ändern, weg von neoliberaler patriarchaler Konformität, den Schritt hat sie ja bereits gemacht. Ich schlug ihr vor sich dort zu organisieren wo sie gerade lebt, bei Hambi-Support-Treffen und EndeGelände-Ortsgruppen andere Menschen in ihrem Umfeld kennenzulernen und sich gemeinsam mit politischen Fragen zu beschäftigen, her zu kommen, andere erkämpfte Orte wie Autonome Zentren und besetzte Häuser zu besuchen, Infoläden zu entdecken, an Aktionen teilzunehmen und selbst welche zu starten. Ich sagte noch „Zieh einfach ein!“, aber alle lachten. Aber sie wussten auch, ich meine das ernst.

So romantisch wie das Leben in den ach so wunderschönen hübschen Baumhäusern auch klingt, oder phasenweise auch ist, … die Waldbesetzung ist ein offener Ort und weder eine Insel im Kapitalismus, noch ein Raumschiff außerhalb dieser Gesellschaft.[Inhaltswarnung für diesen Absatz: Gewalt] Mit deutlichen Worten: alles, was es in der Gesellschaft an Scheiße gibt, gibt es tendenziell auch im Hambacher Wald. Was die Besetzung von der Mainstreamgesellschaft unterscheidet ist der Umgang mit dieser Scheiße, mit psychischer Gewalt, mit Dominanz, mit sexualisierter Gewalt, mit all den Erfahrungen, die jede Person mit sich rumträgt, Grenzüberschreitungen. Und der Versuch, anders mit der Scheiße umzugehen, überhaupt damit umzugehen, auch wenn das nicht immer gut klappt. Doch eins ist klar: Wir rufen nicht die Cops.

Und genau für diese Lücken, die entstehen wenn sich zwischen gesellschaftlicher Norm und unserer Freiheit eine Distanz auftut, für diese Freiräume ist das Anleitungsbuch noch nicht geschrieben. Dieses Wissen müssen wir uns erarbeiten. Mühselig blättern wir in schlecht kopierten Zines, langwierig stöbern wir durch Infoladenregale nach Erfahrungsberichten, wir reisen, um zu verstehen wie es anderswo läuft, und das in einer Bewegung, die ständig vergisst, die ihre eigene Geschichte nicht kennt.

Was sind wir schon, wenn ich beim Wort Bewegung an Horden Jugendlicher denke, wo das Alter von 30 schon als alt gilt. Oder das Wort Bewegung mit einem Haufen stylischer Prolls bzw. hipper sneakertragender Beautys von instagram-Großstadtlife-Fotos verbinde. Wo sind denn all die alten Leute hin, die mal vor uns gekämpft haben? Wohin habt ihr euch verkrochen, dass ich nichts von euch weiß, niemanden kenne, wer mir die Anekdoten von früher erzählt und mich vor Fehlern bewahrt, die schon gemacht wurden.

Ich ahne wo ihr seid. Ihr wart genau so schlecht organisiert wie wir es heute sind. Bloß haben wir das Internet, das uns hilft das zu kaschieren.
Wir sind ideologisch schlecht gebildet, praktisch Amateure und wäre das nicht schon genug, sind wir vor allem eins: Planlos. Das große Ziel, wofür in der Geschichte gekämpft wurde, gibt es für viele nicht. Es war ja auch dumm z.B. an den Sozialismus zu glauben, man sehe doch was in der DDR passiert sei, und mit der Sowjetunion, also sei das nichts. Kleinteilige Kampagnenziele sind da die angenehmeren Häppchen, leichter zu koordinieren, sie bieten den anpolitisierten Menschen das erfolgreiche Spektakel, und sind ebenso leicht bekömmlich für diesen Staat. Doch Bewegungskoordination ist eben nicht das selbe wie Organisierung. Wenn wir es schaffen, die Menschen zu organisieren, wenn wir wirkliche Alternativen aufbauen, dann haben wir gewonnen. Noch fehlen die nächsten Schritte.

Organisierung braucht es.

Weiter geht‘s demnächst mit Teil II.

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5 Kommentare

  1. Hans- Josef Bohnen

    Liebe Leute, versteht mich nicht falsch…, Umweltschutz ist wichtig und richtig.., aber sich ausschließlich auf die Braunkohle zu fokussieren halte ich für falsch, zumal der Ausstieg längst beschlossen war, RWE sich z.Z. in Europa als einer der größten erneuerbaren Stromlieferanten aufstellt und die Energiewirtschaft als einzige die geplanten, deutschen Klimaziele bis 2030 erreichen wird! Im Bauwesen, im Verkehrswesen und der Landwirtschaft sieht es deutlich schlechter aus! Umweltschutz bedeutet weniger Fleisch zu konsumieren, keine Urlaubsflüge und Kreuzfahrten zu buchen, das Auto abzuschaffen, bzw. seine Nutzung deutlich zu reduzieren, die Häuser entsprechend zu dämmen, u.v.m.! Der kleine Rest des Hambacher Wäldchens (200 ha. von ehemals über 5000 ha.) scheint mir nur ein Alibi für einen, gegen geltendes Recht verstoßenden, praktizierten Klassenkampf zu sein! Es ist auch kaum vorstellbar, dass sich in dem Rest des Hambacher Wäldchens noch schützenswerte Tiere befinden, vielmehr wird das kleine Restwäldchen zugemüllt und die letzten dort lebenden Wildtiere durch Klimatouristen, den sogenannten Aktivisten, Lärm und sonstigen umweltschädlichen Aktionen, vertrieben! Im gleichen Zeitraum lacht über Deutschland die Welt und schüttelt den Kopf über die großflächige Vernichtung von wertvollen deutschen Wäldern für Windkraftwerke (u.a. in Hessen der Reinhardswald/Märchenwald) und den unüberlegt geplanten, vorschnellen Ausstieg aus der preiswerten Braunkohle! Deutschland schafft sich ab und in der Welt werden 1600 neue Kohlekraftwerke gebaut, davon eines der größten und modernsten in Polen in unserer direkten Nachbarschaft! „Armes Deutschland!“

    • Seit mehr als zwei Jahren habe ich vom Hambacher Wald erfahren und angefangen die Verhältnisse dort bewußt zu betrachten, den Wald und viele mit dem Wald beschäftigte Menschen erlebt.
      Ich weiß, daß schon lange, zu einer Zeit, als der Wald noch viel größer war, viele Menschen die Vernichtung des Waldes ernsthaft und angagiert versucht haben zu stoppen. Sie wurden nicht „erhört“.
      Wie unerhört schamlos ich es finde jetzt zu behaupten es ist nicht mehr genug Wald übrig, es lohnt nicht mehr der Mühe den Restwald zu erhalten, kann ich garnicht ausdrücken!
      Viel Menschen, die sich um den „Hambi“ bemühen, werden sicher auch die eigene Lebensweise kritisch betrachten und ihr Leben in verschiedenen Bereichen „klimafreundlicher“ gestalten, so wie meine Familie auch.
      Als „Nebenefekt“ meiner „Hambi“ Beobachtungen/Erfahrungen hat sich bei mir leider ein Mistrauen gegenüber den ausführenden „Staatsvertreterinnen/Staatsvertretern“ entwickelt.
      Es erinnert an die „Geschchte“ vom Baum der Erkenntniss,
      Die Menschen sollen unwissend und somt zufrieden bleiben, statt sich informiert eine eigene Meinung zu bilden.

  2. Frau Silberblick

    Epsilon, ich verneige mich vor Dir.

    Hans-Josef, doch ich verstehe dich falsch-nämlich gar nicht.
    Du hast den Text entweder gelesen und nicht verstanden oder gar nicht gelesen und willst hier mal dein Mainstream-TV-RWE-sonstwas Wissen loswerden.

  3. Hallo Epsilon,
    Du fragst nach Denen, die schon vor Euch „gekämpft“ haben. Hier ist jemand von Denen. Aber „gekämpft“ ist nicht der richtige Ausdruck. Die 68er waren soeben gelaufen (ich bin von 56)aber RAF und Kalkar und Wackersdorf habe ich schon noch mehr oder weniger aktiv miterlebt (RAF natürlich nur die Repressalien). Bei uns war eigentlich S, D, und R&R angesagt. Manchmal gerne in irgendwelchen politsch meist linken Kreisen unterwegs, aber immer mit dem og. Schwerpunkt. Das Leben war schön, die Bullen waren Scheisse, die Zöllner noch scheisserer und die Politiker gingen uns am A… vorbei. Die schönste Zeit meines Lebens waren die Jahre in einer bestimmten WG. Auch dort gab es keine Hyrarchie, und die Mitbewohnerinnen waren selbstbestimmt und gleichberechtigt.
    Dann passierte, was eigentlich immer passiert, nämlich ich wurde Papa! Das hört sich jetzt blöd an, aber für mich fing mit der Geburt unserer Tochter das Leben erst richtig an. Auf einmal hatte dieses Leben einen Sinn. Natürlich mit der Konsequenz, dass ich nun irgendie die Brötchen verdiehnen mußte, was ich bis Heute und wohl bis zum Ende als Selbstständiger tue, tuen muß.
    Natürlich haben wir uns so bequem eingerichtet wie möglich, incl. der Illusion, dass es ewig so weiter geht. Aus dieser Illusion bin ich aber im letzten September jäh erwacht. Nicht, dass ich immer alles kritiklos hingenommen hätte, aber es war halt schon angenehm, nicht zuviele Fragen stellen.
    Es ist fantastisch, zu erleben, dass Eure Genearation eben nicht nur aus sneakerbewährten Konsumidioten besteht, dass Ihr überhaupt Euer Leben und unsere Gesellschaft in Frage stellt und neue(alte) Lebensweisen ausprobiert. Und die Art und Weise wie Ihr Euer Leben momentan praktiziert, trainiert Euch schon mal für das, was mM. nach unweigerlich kommen wird. Der Rückfall in archaische Zeiten, weil das was wir Zivilisation nennen, ethisch und moralisch nicht annähernd Schritt halten kann mit dem technologischen Fortschritt und dem daraus resultierenden Verbrauch der Ressourcen dieses Planeten. Irgendwann wird sich das Leben mal wieder auf Hauen und Stechen reduzieren, weil auch die absolut überlebenswichtigen Recourcen wie Wasser und saubere Luft knapp werden.
    Ihr müsst im Gegensatz zu uns, auf so gut wie nichts verzichten denn Ihr besitzt ja so gut wie nichts, und wollt das ja offensichtich auch nicht.
    Tja, wenn da nicht nicht die Nummer mit Brötchen wäre. Denn so wie ich das sehe, seid Ihr von Spenden und der Unterstützung unsererseit abhängig. Das sage ich ohne Häme oder irgendwelche bösen Hintergedanken. Es ist nun mal leider so, dass Euer Lebensmodell nicht so ohne weiteres existenzfähig ist.
    Noch funktioniert das Prinzip der Arbeitsteilung. Wir untstützen Euch, und Ihr haltet für uns die Knochen hin um den Wald und das Klima zu schützen. Nehmen wir mal an, der Hambi bleibt. Endgültig, per Gesetz beschlossen. Wie geht es dann weiter? Heisst es dann: „Der Mohr hat seinen Dienst getan, der Mohr kann gehen“?
    Ich wünsche Euch ja so sehr, dass Ihr tatsächlich eine alternative, bessere Gesellschaft schaffen könnt, und allein die Tasache, dass Ihr es versucht, macht die Welt schon ein keines Bischen besser.
    Aber, naja, Du hast ja nach der Meinug eines alten Sacks gefragt.

  4. @Epsilon

    Toller Beitrag!! DANKE!!
    HAZELNUT, jan ’19

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