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Ein paar Gedanken von Luna zu Schuhen, aufstehen und Respekt

Da ich ja heute nicht anwesend bin und mir entsprechend auch die Chance auf ein letztes Wort fehlt, formuliere ich hier ein paar (nicht ganz nüchterne) Gedanken zu dem Tripod-Prozess und der Ordnungshaft wegen „fehlenden Respektes“.

Während der Skandalverhandlung vom 13.06. war ich die einzige auf der Anklage/Verteidigungs-Bank, die von Beginn aus Schuhe trug. Ich frage mich jetzt, warum eigentlich? Warum trage ich bei strahlendem Sonnenschein Schuhe? Naja, vermutlich zwei Gründe. Erstens finde ich heißen Asphalt im Sommer tatsächlich nicht sonderlich angenehm. Und zweitens vermutlich Eitelkeit. Ich meine, wenn ich mich für den Prozess schon komplett schwarz anziehe gehören irgendwie auch schwarze Schuhe dazu. Vielleicht ist Eitelkeit eine Schwäche von mir. Aber fehlender Respekt ist es sicher nicht.

Was für eine absurde Umkehrung des Wortes „Respekt“ ist es denn, wenn ich anderen meine Vorstellung aufzwinge, wie sie sich anzuziehen habe? Und in welcher Welt ist es respektlos wenn ich mich so anziehe wie ich es halt Wetter-angemessen tue? Nochmal zur Erinnerung: Wir haben weder dem Gericht, noch unseren eigenen Leuten (mir zum Beispiel) aufgezwungen Schuhe auszuziehen. Wir wären zufriedem damit gewesen wenn jede*r anzieht worin sie*er sich wohlfühlt. Und wenn es eine alberne Robe ist. Das bedeutet Respekt. Die Andersartigkeit und den individuellen Ausdruck von Menschen zu respektieren. Nicht allen anderen meine Kleiderordnung aufzuzwängen. Menschen einzusperren, weil sie keine Schuhe tragen und das „respektslos“ wäre, ist eine krasse Umdeutung dieses Wortes.

Und dann war da die andere angebliche Form der Respektlosigkeit, das fehlende Aufstehen, dass mich für ein paar Tage in den Knast gebracht hat. Moment mal, es soll Respekt sein wenn ein Mensch sich erhebt wenn ein anderer den Raum betritt, das andersrum aber nicht passiert? Das klingt für mich nicht nach Respekt, Respekt ist für mich etwas gegenseitiges. Ja, ich versuche erstmal jeden Menschen zu respektieren, dem ich begegne. Als Mensch. Nicht als Autorität. Auch Richter Vogt war für mich erstmal ein Mensch, der vielleicht einer Tätigkeit nachgeht die ich ablehne, aber der trotzdem erstmal den Respekt verdient, den jeder Mensch in meinen Augen verdient. Aber wie gesagt, Respekt gegenüber Menschen äußert sich für mich darin, dass ich sie so höflich behandel wie sie mich behandeln, nicht durch asymmetrische Ehrerbietung.

Herr Vogt, wissen sie was wirklich respektlos ist und womit sie sich jeden Respekt meinerseits verspielt haben? Es ist respektlos Menschen dafür gewalttätig anzugehen, was für Kleidung sie tragen. Es ist respektlos, Menschen für ihre politische Überzeugung oder ihren Kleidungsstil einzusperren. Und es ist besonders respektlos, dafür eine Frau in einen Männerknast zu stecken, um sie sexueller Gewalt auszusetzen und damit zu bestrafen. Eine Strafe, die ihr toller „Rechtsstaat“ vorsieht, ist das übrigens auch nicht.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. „Manchmal bedeutet Respekt, einen anderen als Autorität zu behandeln,
    manchmal bedeutet es, einen anderen als Mensch zu behandeln.

    Und manchmal bedeutet der Satz: ‚Wenn du mich nicht respektierst, respektiere ich dich nicht‘
    eigentlich: ‚Wenn du mich nicht als Autorität behandelst, behandle ich dich nicht als Mensch'“

  2. Das Aufstehenmüssen, wenn der oder die Richter den Verhandlungssaal betreten, ist eine überkommene Tradition. Ihr liegt folgendes Bild zugrunde: Diejenigen, die Gewalt ausüben gegenüber anderen, werden höher geschätzt als diejenigen, die sich die Gewaltausübung gefallen lassen müssen bzw. ihr ausgesetzt sind.

    In unserem Land geht alle Macht vom Volke aus und diese wird durch die drei Gewalten (ja, so heißt es) Parlament, Verwaltung und Gerichte ausgeübt. So steht es in der Verfassung und so soll es sein. Denn die Alternative wäre, dass wir uns gegenseitig Gewalt antun und dann jeder oder jede, der oder die mehr Muskeln oder die schnelleren Waffen hat, im Vorteil ist …

    Der Richter ist also ein Gewalt Ausübender, und das ist auch seine Aufgabe. Er wendet die Rechtslage auf den Sachverhalt an, und wenn die Rechtslage vorsieht, dass eine für den Betreffenden negative Entscheidung ergeht, dann tut er es. Er setzt den Betreffenden dann negativen Umständen aus. Das ist Gewaltausübung, denn der Betreffende kann sich dem nicht entziehen. Das ist unsere Verfassung. Das muss nicht per se schlecht sein … die Situation für die Bevölkerung ist hier so gut oder so schlecht wie die Gesetze, die angewendet werden … (im Idealfall).

    Also der Richter übt Gewalt aus und ich sage, das soll so sein, denn sonst hätten wir Anarchie … da kann mensch darauf vertrauen, dass die Gemeinschaft, in der er oder sie gerade lebt, toll ist und dass Gewaltmissbrauch und Übergriffe nicht vorkommen oder jedenfalls sofort friedlich beendet werden von der Mehrheit … es kommt halt auf die Gemeinschaft an. Aber ich habe dieses Vertrauen nicht. Vielleicht weil ich nicht in Baumhäusern wohne, aber jedenfalls habe ich es nicht.

    Dennoch meine ich persönlich, dass unsere Weltsicht -also die der Mainstream-Bürgeris – endlich einmal weg sollte davon, dass der Betreffende aufstehen muss, wenn der Richter den Verhandlungssaal betritt.

    Denn eigentlich unterscheidet die beiden nur, dass der Richter Gewalt ausüben darf und der Betreffende nicht. Der Betreffende wird der Gewalt des Richters unterworfen.

    Und allein dafür sollte sich der Richter wenn nicht schämen, so wenigstens in sich gehen und sich sagen: „Der da ist mir jetzt ausgeliefert – ich sollte bescheiden auftreten.“

    Ich finde, es müsste umgekehrt sein: Der Richter sollte dem Betreffenden Respekt besonders erweisen, z.B. mit einer freundlichen Begrüßung und einem Satz, dass er hier verspricht, seine Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen und seine Macht nicht zu missbrauchen.

    Und selbstverständlich sollte der Betreffende sitzen bleiben dürfen, denn es ist schon schrecklich genug, der Gewalt eines anderen ausgesetzt zu sein.

    Aber soweit, dass die Gewalt als solche von uns mit Argwohn betrachtet wird – anstatt reflexionslos mit besonderer Achtung – sind wir als Gesellschaft noch nicht.

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