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KAMPF UM DEN WALD

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KAMPF UM DEN WALD
Von TIM
Teil 2/3

Ein Dreiteiler über Bäume, luftige Höhen, eine Räumung und darüber, was ich damit zu tun habe.
All dies geschah vor nicht allzu langer Zeit in den Bäumen des Hambacher Forst bei Köln.
Der kommende Text soll Menschen einen Einblick in meine Gedanken, Gefühle und Emotionen ermöglichen. Einen Einblick in eine Situation, in der ich mich befand und wie sie zustande kam.

Teil 1. „Der Anfang“

Im Teil 1/3 der Anfang beschrieb ich das Auftauchen der Polizist_innen mit den schweren Maschinen, den Geräuschen der Kettensägen und Fräsen im Hintergrund. Den letzten Funkspruch zu den anderen Bewohner_innen der Bäume und den ersten Kontakt mit Kletterpolizist_innen, endend mit dem Klacken eines Vorhängeschlosses.

Teil 2. Gebunden.

Ich sitze aufrecht in meiner Hängematte, mit beiden Händen in einem Metallrohr um den Baum Testimo festgekettet, in dem ich lebe, 25 m über dem Boden. Die Befestigung meiner Sicherung liegt zwei Meter über meinem Kopf in Testimos Krone, mit dem Arsch Richtung Tagebau und vor mir sehe ich den Kirchturm des Dorfes Buir. Mich wärmt ein BW-Schlafsack mit integrieten Ärmeln und Füßen sowie dazugehörigem Wind- und Regenüberzug. Dicht hinter mir sitzt der_die zweite Baumbewohner_in und versorgt mich mit Wasser, Schokolade oder einem Stück Obst. Mit Testimo verbunden sitzen wir hier oben, blicken über die Kronen und betrachten das Treiben am Boden. Ich bin nicht mehr nur ein Besetzer, ich bin ein Bewohner des Waldes, der Natur. Im Kreislauf, nicht außerhalb. Wenn er gefällt wird, werde ich mitgefällt. Es wurde viel geredet, jetzt ist Schluss. Wir zeigen unsere Entschlossenheit.
Ihr da unten an den Absperrungen, die, die gerade zu uns hinaufrufen, ihr, die die Pressearbeit leistet und den Internet-Blog aktualiesiert, Bienennester in dir RWE-Zentralen werft, Tee und Suppe zu uns bringt, den Internet-Blog gespannt mit Tränen und Texten fühlt, gerade vor Wut auf die Straße geht, uns Eure Solidarität bekundet. Danke! Dies zu wissen hält uns stark.
Ich würde euch zuwinken, meine Freude zuschreien, mit euch telefonieren. Dies kann ich aber gerade nicht. Ich habe mich aus Liebe und Achtung gegenüber dem Wald an Testimo gebunden. Für den Kampf, der mir hier oben noch bevorsteht, muss ich meine Energie und Sprache sparen.
Ein Knacken und das Geräusch von zerberstendem Holz schallt durch den Wald. Der Stamm vibriert. Soeben wurde eine der im vorderen Bereich stehenden großen Bäume ermordet. Wut. Mein Blut kocht. Mir fließen die Tränen. Ich schreie laut. Ein Freund ist tot, ermordet, über 15 Jahre mag er schon gewesen sein. Die Trauer und Tränen zeichnen die kommenden Minuten. Das Leben im Wald hat mich verändert. Hier wird Dir keine Feindschaft entgegengeschmissen, er schenkt Dir Sauerstoff, Essen, Leben. Er wirkt ständig auf mein Wesen und beeinflusst, sensibilisiert meine Wahrnehmung, sagt „Achte auf das, was hier passiert, schaue und lerne. Du bist willkommen.“ Der Schmerz, nun einen Freund verloren zu haben, treibt neue Tränen in mein Gesicht. Ich denke an Testimo, der heute oder spätestens in zwei Jahren den hier stattfindenden Raubbau nicht überleben wird. Er ist hier fest verankert, kann nicht abhauen, umgesiedelt werden, so wie die Menschen in den Dörfern oder wie ich, der hier oben sitzt. Er wird sterben. 200 Jahre stand er hier und bald wird er in Minuten ermordet, dann zerstückelt, nummeriert und vekauft, um ihn dann weiter zu zersägen, zu verarbeiten und mit einem Preisschild zu versehen. Beim Raumausstatter rumzustehen, ein Objekt, ein Warengegenstand, Baumaterial oder Brennstoff.
Mein Freund.

Monkey Town

In der Kabine der Hebebühne kommen so langsam zwei Polizist_innen hochgefahren. Sie fragen wie es uns geht. „Beschissen“, schließlich seid ihr ja da. Die Bütten von RWE. „Andere Frage, wie geht es euch körperlich?“ „Na, wir hängen hier ab.“ Ein Polizist steigt aus der Kabine und klettert langsam zu uns hinauf.
Als er auf unserer Höhe angekommen ist, macht er die Plane, die mich vor dem Wind schützt, zur Seite. Er schaut sich kurz das Metallrohr an, was sich zum Teil noch in der Tragetasche befindet und mit Schlingen am Baum gehalten wird. Wir weisen ihn darauf hin, dass ich mit der Krone des Baumes über mir gesichert bin und dass falls sie die Überlegung haben, die Krone so rauszuschneiden oder alles im Weg stehende für die Bühne einfach weg zu sägen, werde ich aufgrund meiner Verankerung im Metallrohr mir beim Fallen beide Arme brechen.
Was ich hier tue, habe ich mir im Voraus gut überlegt, habe mich darauf vorbereitet und geübt. Mental und körperlich versuche ich Ruhe sowie innere Stärke zu finden, mich nicht provozieren zu lassen und meine Aufgabe nicht zu vergessen. Die bestimmte und ausgewählte Aufnahme von Wasser und Lebensmittel, bevor die Polizei sie mir entzieht. Training der Muskulatur und Bewegungsabläufe, um den Kreislauf in Schwung zu halten. Damit die Beine nicht taub werden, drücke ich sie öfter durch oder stämme sie gegen etwas. Meine Hände presse ich zusammen und öffne sie wieder. Das Schlimmste ist aber, Ruhe und Fassung zu bewahren, wenn Du ausgelacht oder beschimpft wirst oder sie sagen, sie seien auch gegen RWE, aber machten jetzt trotzdem diesen Unsinn. Im Ernstfall spielt soviel eine Rolle, was auf dich wirkt, Deine Kraft und Stärke raubt, das psychische und das körperliche Befinden einzuschätzen. Die Länge, in der Du in dieser Position bei der Räumung ausharrst; das Wetter, sowie das Vorgehen der Polizist_innen. Desweiteren, die Tatsache, dass ich keinen Schlüssel habe, um im Notfall das Schloss selbst öffnen zu können. Wir nehmen uns absichtlich die Möglichkeit, das Schloss im Notfall öffnen zu können aus folgendem Grund: Würden die Polizist_innen erfahren, dass wir uns hätten befreien können, würden sie bei zukünftigen Ankettaktionen uns wahrscheinlich quälen, bis wir aufgeben und uns selbst befreien. Ich werde mich ganz darauf einlassen. Sei es, dass ich hier ohnmächtig werde, runter gesägt werde oder sonstwas. Einige sagen, das sei Unsinn, so weit zu gehen. Ich sage, für mich nicht. Für mich macht es Sinn. Ich weiß, dass ich alles in meiner Kraft stehende tun werde, um diesem System ein Ende zu bereiten. Ich habe diese Form der Aktion gewählt, denn im Augenblick scheint mir nichts anderes mehr zu bleiben. Ich werde so zu verstehen geben, wie wichtig es mir ist. Mein Drang zu lernen, zu Liebe und zu leben bestärkt mich. Ihr geht mit der Erde um, als gäbe es eine Zweite. Alles wird verwertet, worin Profit gesehen wird. „Produktiv“ oder „unproduktiv“ sind die Stempel in den Köpfen dieser Zeit. Alles hat einen Warenwert, kalkuliert, berechnet, eine Nummer im System. Es sterben an den Grenzen um Europa täglich Menschen. Wir bauen diese Grenzen. Menschen verhungern und werden ermordet. Wir betonieren ganze Ökosysteme, stellen Teile dieser in Zoos aus und nennen das Artenschutz. Ich weiß nicht, wie ich es den Menschen verdeutlichen soll, Konzerne und ihren Raubbau sichtbar zu machen. Ich werde alles Mögliche tun, um mich ihnen in den Weg zu stellen, zu sagen “Stopp, hier nicht weiter!” Ich werde mein Leben riskieren. Ja, dies ist meine Entscheidung.
Der_die Polizist_in steigt in Richtung des Baumhauses ab. Immer mehr Polizist_innen werden mit dem Hubsteiger hinauf gebraucht. Sie schauen sich das Baumhaus genauer an, inspizieren das Innere und bekunden ihren Respekt vor diesem Bauwerk. „Scheint mir gemütlich zu sein” und “sogar mit Holzofen” sind einige der Sätze, die sie in unsere Richtung abgeben.
Jedes Baumhaus ist einzigartig und wird mit Rücksicht auf die Begebenheiten und Wuchseigenschaften jedes Baumes erbaut. Das Baumhaus in Testimo hatte zwei Etagen. Auf ihnen fand mit ca 8 m² viel Leben in den letzten Monaten statt. Es beinhaltet eine Küche, einen Balkon, einen Holzofen und ein gemütliches Bett. Die Wände, das Dach und der Fußboden sind mit Stroh isoliert. Fenster ringsherum geben einen eindrucksvollen Ausblick auf den Wald und sein Leben. Den schönsten Garten, direkt vor der Haustür.

Monkey Town

Die zweite Hebebühne wird langsam in Position gebracht. In der Kabine machen sich drei Polizist_innen für den Aufstieg bereit. Sie haben Werkzeuge wie Sägen, Brechstangen und Kettensägen geladen. Alles, was ihnen und der Hebebühne im Weg scheint, wird kurzerhand mit der Kettensäge entfernt. Das Sägen in den Ausläufern von Testimo spüre ich im Metallrohr. Es schmerzt mich wie eine Verletzung an meinem eigenen Körper. Sie verstümmeln ihn. Mein Puls rast. Es kocht in mir. Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Reg‘ dich nicht auf, Du brauchst deine Kraft noch. Wut, Hass, Angst in diesen Momenten zu kontrollieren ist das Schwierigste. Sie dürfen nicht Herr deines Kopfes werden. Ich muss stark bleiben, obwohl ich ausgeliefert bin. Ich bin festgekettet und sehe und höre, was fünf Meter unter mir passiert.
Stunde um Stunde vergeht. Die Sonne zieht auf ihrer Bahn. Sie reißen mein Baumhaus ein. Meine Wohnung, mein Zuhause der letzten Monate. Stück für Stück tragen sechs Polizist_innen es ab.
Das Dach einzureißen würde bei jedem normalen Haus einfacher sein. Ich habe in den letzten Monaten alle Winde und Stürme hier oben erlebt. Bis zu 120 km/h und es hat gehalten. Nichts ist gebrochen, runtergefallen oder drohte zu brechen. Es ist ein Baumhaus, es wird für soetwas gebaut.
Jedes für sich ist eine architektonische Leistung. Es beinhaltet Verständnis für Konstruktion und Bewegungsabläufe, desweiteren Kenntnisse über Knoten- und Wickeltechniken, da kein einziger Nagel in die Bäume geschlagen wird. Eine Bauweise, die im Stahlbeton-Denken schwer vorstellbar ist.
Ein starrer Baum würde brechen. Jedpoch ein gesunder Baum mit Haus drin, der sich im Sturme wiegt, der bricht nicht. Als ich die ersten Tage im vollen Winde hier oben verbrachte, hatte ich nicht das Gefühl, sondern sah, wie das Baumhaus bewegt wurde. Es hob und senkte sich, das Essen in den Regalen fiel heraus. Geräusche um mich herum, die ich nicht kannte.
Das wachsame Auge sieht, ewie sich die Konstruktion verhält. Immer wieder raus gehen und schauen, wie sich der Baum verhält. Die Balken und Knoten regelmäßig überprüfen. Kleinere Repaturen durchführen. Das Vertrauen zu der Konstruktion wuchs, wie das Sicherheitsgefühl beim Klettern im Gurt und beim Bauen. Spaziergänger verlaufen sich selten und treffen auf die Waldbesetzung. Meist suchen sie gezielt die Baumhäuser. Sie einmal gesehen zu haben und ein Foto zu machen. Ein eigenes Bild von dem Ort zu machen. Den Wald erkunden, sich ein kurzes Stück erholen, dem Trubel des Alltags entziehen. Die Flucht in den Wald, raus ins Grüne treibt so manch einen in den Hambacher Forst.
Ich durchlebte mit Testimo das Blätterfallen im Herbst, den Frost im Winter und jetzt den Anfang des Frühlings.
Bei Wind und Regen fühlte ich mich in ihm sicher, wohl und geborgen. Und soeben wird mein Haus abgerissen und der Baum verletzt, getötet. Sie reißen alles bis auf die Plattform ab. Decken, Lebensmittel, Matratze, Glasfenster und der Ofen werden runter geschmissen. Hinter mir sitzt die gesammte Zeit die zweite Bewohner_in und zittert, weint leise und kocht vor Wut. Zwischendurch gibt sie mir Wasser zum Trinken und Nüsse zum Essen. Dicht an mir sitzend, stützen wir uns gegenseitig, schenken uns Kraft und das Gefühl, nicht alleine zu sein. Was im vorderen Bereich geschieht, wie es den anderen geht, und was außerhalb des Waldes so passiert, wissen wir nicht. Abgeschottet von der Außenwelt. Hunderte Polizist_innen mit schweren Maschinen haben ein Ziel: Uns hier rauszuholen. Feuerwehr, Sanitäter und diese immer grinsenden Mitarbeiter von RWE. Sie können nur so stark sein, wenn sie ihre „Wachhunde“ von der Security dabeihaben oder Polizist_innen. Alleine trauen sie sich nicht durch den Wald oder durch die Straßen der abzubaggernden Bereiche. Die Bosse verschanzen sich hinter Stacheldraht, Kameras, hohem Sichtschutz, Zäunen und Panzerglas. Um ungestört ihren Raubbau an der Natur durchzuführen und ihre Geldgeschäfte auf dem Computer steigen zu sehen. Auf Landkarten neu Grenzen zu ziehen und darüber entscheiden, wie viele nun ihre Arbeit verlieren, um den Profit weiter in die Höhe zu treiben.
Eine riesige Maschinerie, die sich aufgebaut hat und mit unserem Leben verflechtet ist.
Wir haben sie mitgeschaffen, gestützt, gefüttert und konsumiert, also liegt es an uns, diese zum Einsturtz zu bringen.
Es wird allmählich dunkel, die Sonne steht dicht über den Kronen des Hambacher Forst. Seit heute Mittag hänge ich jetzt hier oben und warte darauf, dass sich die Polizei uns widmet. Die Polizei kommt mit Hilfe der Hebebühne an uns herangefahren. Sie teilt uns mit, dasd das Land NRW nicht mehr Geld/Zeit eingeplant hat für diesen Einsatz und sie nun abbauen würden. Nach all den polizeilichen Einsätzen muss denen doch bewusst sein, dass sie nie wissen, was auf sie zukommt. Unkalkulierte Situationen waren bis jetzt immer vorhanden. Es hat immer länger gedauert, als geplant und dass sie uns nicht so einfach aus den Bäumen bekommen, das steht ja schon lange fest. Ich sage ihnen, dass es hierfür keinen Schlüssel gibt und wenn sie räumen wollen, müssen sie es durchziehen oder die Finger ganz vom Hambacher Forst lassen. Herkommen, alles einreißen, Bäume fällen, keinen Beschluss von einem Gericht, der Stadt Kerpen vorlegen, Testimo verstümmeln und dann wieder fahren. Sie kommen nicht drum herum: Sie werden auch mich herausholen müssen. Oft bekunden sie mir ihr Verständnis, dass sie Familie haben und sich auch Gedanken über die Zukunft machen. Das wird die Situation nicht entschärfen.
Ich habe Angst um meine Zukunft, um die Kinder, die einst geboren werden. Meine Mutter hat gerade in diesem Augenblick auch Angst um mich. Was bringt uns ein toter Planet. Verseuchte Flüsse, abgeholzte Wälder und kaum Luft zu Atmen. Damit später einst die Menschen Wälder aus Videos kennen, Tiere weiter im Zoo begaffen. Medikamente schlucken, um Krankheiten zu heilen, die noch keinen Namen haben. Das Ökosystem aus einem Buch lernen, die ausgerotteten und vom Aussterben bedrohten Arten ganze Buchbänder füllen.

Der letzte Teile wird in den kommenden Tagen auch Online gestellt. Sie alle stehen zur freien Verfügung.

Tim

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. danke!
    ihr seid nicht allein!
    vetrauen in die natur- sie kann nie kaputt gemacht werden.
    die rwe-menschen, die anzugtragenden, und die uniformierten – alles masken hinter denen fühlende menschen sind die sich nur nach liebe sehnen. klingt komisch, ist aber so.
    danke! haltet durch und bleibt in der Liebe

  2. Oh je wer hat denn hier hingekackt?!?

    Todesstrafe für Intimbereichssoldaten!!!

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