Nachricht aus Neuland #5

Eine weitere spannende und unterhaltsame Nachricht erreichte uns eben per Telefon von der Besetzung Neuland. Möge der Akku noch lange durchhalten!
Als ich gegen sechs Uhr in der Früh aufwache, ist es noch dunkel.
Ich döse noch etwas vor mich hin, meine Ohren sind gespitzt, und immer wieder blinzle ich durch den Augenschlitz meiner Sturmhaube auf den Boden und den Eingang der Arena. Falls die mich räumen wollen, ist die Warscheinlichkeit dazu jetzt am größten. Um 6:30 ist dann Schichtwechsel. Räuber und der andere Hund, dessen Namen ich noch nicht kenne, und die zwei vermeidlich dazugehörigen Menschen haben schon letzte Nacht Wache geschoben und verabschieden sich nun.
Stattdessen kommt Disko wieder hinzu. Ich erhalte einen Anruf von einem lieben Menschen und mir werden die neusten Kommentare unter meinem bisherigen Tagebaubucheinträgen vorgelesen. Ich freue mich sehr über die lieben Worte und richte Disko die Grüße aus. Der schaut kurz hoch und widmet sich dann wieder für ihn wichtigeren Dingen. So kann der Tag doch los gehen!

Ich wünsche den unten stehenden einen Guten Morgen.
Ich esse Müsli und beobachte die Warnwesten unter mir. Einer, ich nenne ihn „Solarium“, nimmt zwei Metallnäpfe aus einem Stoffbeutel. In den einen füllt er Trockenfutter, in den anderen Wasser. Während er damit beschäftigt ist, bedient sich Disko selbst und nimmt sich hinter dem Rücken des „Solariums“ eine geöffnete Blechdose mit – äähm, ich vermute Fleisch und dieser ekeligen Glibberpampe, was oft als Hunde- oder Katzenfutter verkauft wird. Die Warnung von dem anderen Security kommt zu spät, denn Disko hat die Dose längst verschleppt und leer gemacht und ich vermute, dass er denkt, das „Solarium“ will mit ihm spielen, als dieser auf ihn zugerannt kommt. Ich muss wieder mal laut lachen.

Dann kommt wieder der Tanklaster. Er befüllt alle vier Generatoren mit Treibstoff und auch die Hebebühne wird betankt und daraufhin angeschmissen. Nun bin ich aber mal gespannt. Für alle Fälle bereite ich alles auf Räumung vor (was nur wenige Minuten in Anspruch nimmt) und beobachte, wie zwei der Warnwesten und der Hebebühnenführer sich langsam im Korb aufwärts bewegen. Sie fahren bis zur Hälfte, dann darf die eine Warnweste mal lenken. Es ist einer, den ich schon vom ersten Tag „kenne“ und mit dem ich oft herumscherze. Mehr passiert nicht. Unten wieder angekommen, schmeißen einige Warnwesten ein Paar Holzknüppel, die sie vom Waldboden auflesen, in den Korb der Hebebühne. Den ganzen Vormittag lassen sie den Motor laufen. Es sind immer zwischen 20 und 30 Securitys in und um den Bauzaun verteilt. Einige bewaffnen sich manchmal mit Holzknüppeln vom Waldboden. Irgendwann macht Disko einen Ausflug in Richtung Tagebaukante und daran entlang. Von menschlicher Seite aus war das so nicht vorgesehen und er hält die Wachleute, die sich daran gemacht haben, ihn einzufangen, ganz schön auf Trab. Ich bin mir sicher, es ist keine Frage des Geschicks der Securitys, ihn wieder an die Leine zu nehmen, sondern eine seines eigenen Willens. Mir kommt es so, vor als seien die Menschen für Disko nur lästige Fliegen, die er mal zulässt, mal abschüttelt. Das „Solarium“ jedenfalls habe ich gefressen. Er ist mir unsympatisch und ausserden weiss ich: Jeder von ihnen könnte einer der aggressiven Schläger sein, die uns nun schon mehrfach geschlagen und mishandelt haben und wegen denen zwei meiner Genoss_innen grundlos in U-Haft gehalten werden. Auch er drückt mir seine Missgunst mehrmals aus. Ein mal nimmt er Diskos Kopf in seine Hände, zwingt ihn, in meine Richtung zu gucken, zeigt dabei auf mich und sagt dabei irgend etwas zu ihm.
Ein anderes Mal nimmt er die rosa Decke (sie ist mir vorletzte Nacht runtergefallen – ist aber nicht schlimm, denn ich habe noch genug hier oben) und deckt Disko damit zu. Ich lache und rufe runter: „An sowas ähnliches habe ich auch schon gedacht. Aber eigentlich denke ich nicht, dass Disko als Husky das nötig hat.“ Daraufhin nimmt er die Decke, hält sie Disko vor die Nase, wirft sie dann in’s Laub und zeigt mit dem Finger darauf. Dieser zeigt sich völlig unbeeindruckt von dem ganzen Theater.

Disko tollt auch gerne auf den Strohballen herum, welche mittlerweile nicht mehr direkt unter, sondern neben dem Baum liegen. Scheinbar haben die sich als besonders ungünstig und als tückische Stolperfallen bei dem Gerangel der Aktion am Freitag herausgestellt, sodass sie die bereits am nächsten Morgen alle beiseite geräumt haben. Wenn eine Warnweste dann versucht, hinter Disko her zu springen (z.B. um ihn zu fangen), stellt sich niemand im Ansatz so geschickt dabei an, wie der Husky.

Um mich herum wird gearbeitet. Ein einzelner Arbeiter mit orangener Warnschutzkleidung zersägt mit einer Kettensäge die bereits gefällten Bäume, und zwei riesige Schlepper mit Greifarmen laden die großen Stämme hinten auf, schleifen meist noch einen einzelnen Stamm neben sich her und stapeln sie am Wegesrand.

Später die gute Nachricht: Basti ist frei! Wie schade, dass ich nicht dabei sein konnte. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ihn als eine der ersten in die Arme zu schließen! Lieber Basti, fühl dich ganz fest gedrückt von mir. Vielleicht können wir später telefonieren!

Am Nachmittag kommt eine Art großer Radlader in die Arena gefahren. Er hat einen Stapel Bauzäune geladen. Ich bin überrascht und frage mich, wozu sie noch mehr Bauzäune brauchen in einem bereits eingezäunten Bereich. Ein junger ohne Warnweste, vielleicht so alt wie ich, begrüsst mich mit „kleine Hure“ und spuckt neben sich auf den Boden. Ich spucke von oben herab und rufe: „Du kannst mir danken oder gehen. Ohne mich hättest du den Job nicht, aber wegen mir mußt du ihn nicht machen.“ Sie beginnen, die Bauzäune in einem Kreis um „meinen“ Baum und die Hebebühne lose hin zu stellen. Es sind etwa 10 Männer. Mittendrin, als sie gerade alle unter mir stehen, rufe ich zu ihnen runter: „So Leute. Ich muss mal pissen. Wollt ihr weiter arbeiten oder …“ Erst gucken sie etwas überrascht, fast ungläubig zu mir hoch, dann begeben sie sich alle an die Seite. Auch wenn ich sie nicht gut verstehen kann hier oben, bin ich mir fast sicher, dass sie irgendwelche blöden Witze machen. Einer holt sein Handy raus, um zu filmen. Ich bin es mittlerweile gewöhnt und finde nichts Peinliches daran, ein Menschliches Bedürfnis vor versammelter Kompanie zu verrichten, doch leider ist es doch noch nicht so weit. Ich höre wen fragen: „Du kackst aber nicht, oder?“ Da fällt mir plötzlich ein, dass ich dringend mal meinen Scheißeimer leeren müsste und erkläre es ihnen entschuldigend. Der Inhalt trifft in ihren Arbeitsbereich.

Ich mümmel mich wieder in meine Schlafdecke ein und fordere sie auf, sich lieber an die Arbeit zu machen. „Hey du da, auch du, du wirst hier schließlich nicht nur für’s Gucken bezahlt!“ weise ich einen an, der es scheinbar kaum glauben kann, denn er schüttelt immerzu den Kopf und grinst verstohlen. Eine weitere Maschine kommt angefahren und hat die Betonsockel für die Zäune dabei. Während sie unter mir arbeiten und die Zäune in einem engen Radius von ein bis zwei Metern um Baum und Hebebühne, dieses Mal mit zwei Verbindungen statt einer aufbauen, gucken manche immer wieder verunsichert und misstrauisch zu mir hoch. „Jemand gibt mir ein Bier aus, wenn ich jemandem von euch auf den Kopf pisse“ lache ich, und der Eine, mit dem ich immer scherze, guckt mit übertrieben aufgerissenen Augen und dem Mund zu einem „O“ geformt zu mir empor. „Ja auch du mein Freund, solltest wachsam sein“ und ich grinse ihn an. Leider muss ich immernoch nicht, aber als alle wieder auf den Zaun konzentriert sind, kippe ich etwas Wasser herunter und rufe: „Ups… Scherz, war nur Wasser! Aber ich könnte“ Einer guckt auch noch nach getaner Arbeit ständig ungläubig und irgendwie amüsiert zu mir hoch und ich grinse ihn dann immer breit an. Fast eine Stunde später muss ich dann doch pinkeln und entlasse den Inhalt meiner Blase in den Eimer, lege mich dann wieder hin und teile den Zuschauern mit, dass ich schonmal wieder ein bisschen aufgefüllt habe.

Als ich anfange, den nun fünften Tagebaubucheintrag zu schreiben, klärt mich einer den ich zuvor noch nicht wahrgenommen habe, darüber auf, dass Disko eigentlich Isco („mit C!“) heisst, dass es aber immerhin korrekt sei, dass ich geschrieben hätte, dass er lieb sei. Ich erkläre ihm, dass Isco hier wohl einer der wenigen sei, der seinen Kopf auch zum Denken und nicht nur zum Fressen nutzen würde, während eine andere Warnweste den Sprechenden anquarkt, er soll nicht mit mir sprechen.

Das „Solarium“ haut mit einem Knüppel vor die kleinen Astausläufer einer jungen Rotbuche und ich feuere ihn übertrieben an, „komm schon, doller, das muss richtig krachen.“ Er baut sich unter meinem Baum auf (was angesichts der 25 Meter Höhe, in denen ich mich befinde, wenig Eindruck auf mich macht) und schaut zu mir auf. Das ist alles, was er machen kann, ohne Anweisungen zu übergehen. Er murmelt etwas und ich frage laut nach: „Was hast du gesagt?“ Ich spucke aus und sage: „Vielleicht bist du ja der Grund, warum ich mein nächstes Bier nicht bezahlen musss… So und jetzt verschwinde.“ Und ich widme mich wieder meiner Klopapierrolle, die ich als Schreibpapier nutze, weil ich nichts anderes mehr habe.

Einer der zwei, mit denen ich mich heute gut verstehe, versucht sich über Handzeichen mit mir zu verständigen. Ich bin mir nicht sicher, was er mir sagen will, aber aus der Kombination aus: Auf sich zeigen, auf mich zeigen, Faust ballen sie einige Zentimeter in die Höhe strecken und langsam die flachen Handinnenseiten mehrmals aneinander bringen als würde er klatschen, interpretiere ich einfach mal, dass er gut findet, dass ich hier bin.
Später hören wir, wie auf einen metallenen Hohlraum ein Rhytmus geklopft wird. Meine zwei „Kumpanen“ von heute machen mit und trommeln auf dem Generator. Freudig stimme ich mit ein, drehe zwei leere Konservendosen um und klopfe einen Beat mit meinem Stift. Zumindest die zwei unten und ich amüsieren uns köstlich für ein bis zwei Minuten, dann verklingt das Tommeln und zwei große blaue ehemalige Benzintonnen werden herangeschleppt. Eine platzieren sie vor dem Eingang, die andere im Inneren der Arena. Ich frage mich, was sie vor haben. Wollen sie weiter musizieren? – Oder mich durch Trommeln wach halten? – Oder vielleicht wollen sie sie als Mülltonne benutzen? Als sie anfangen, kleine Äste von den Bäumen abzureissen und sie sie zusammen mit Stroh in die Tonne werfen, geht mir ein Lich auf: Sie wollen Feuer machen! „Wenn es brennen soll, solltet ihr trockenes Holz nehmen“ klugscheisse ich von oben herab. Ja dann machen wir das doch. Wollen die sich wärmen? Aber die Generatoren sind ja auch warm… Vielleicht wolllen sie mir aber auch Angst machen. Hm, naja. Es braucht einige Zeit, bis das erste Feuer brennt. Die werden mir hier ja fast kreativ. Aber bisher unzureichend. Ich bleib ja doch oben.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

7 Kommentare

  1. Egal ob du triffst oder nicht, ich geb dir so viel Bier aus wie du willst! Danke Danke Danke für deine tollen Berichte.
    Viel Durchhaltevermögen weiterhin, du bist im Herzen nicht alleine da oben. Stay Rebell

  2. Deine Blogeinträge sind unglaublich:-)

    Weiter solidarische Grüße aus Stuttgart.

    Nina

  3. Hey Du,
    ich wünsche Dir, dass Dus warm hast und Dein Akku hält und Du einen neuen bekommst, sowie Schreibpapier, viel Kraft, Kerzen und Feuer, gutes Essen, Schokolade und veganen Kuchen gaaaaaaanz viel Liebe und Gesundheit, Hoffnung und gute Gesellschaft, heissen Tee und dass all Deine guten Wünsche wahr werden *-* Schön dass es Dich gibt. Ich zünde jetzt eine Kerze an und denk an Dich da oben und an Deinen guten Freund den Baum, der Dich sicher trägt und sich bestimmt mindestens genauso sehr wie ich freut, dass Du da bist. Grüß ihn schön von mir und sag ihm, dass ich dankbar bin, dass es Euch zwei gibt und dass ihr diese Sache zusammen macht.
    Ihr seid knorke *-+

  4. haltet durch, nicht nur du im baum sondern alle besetzer*innen in wald und wiese. lasst euch von den securities nicht verarschen! unsere solidarität ist grenzenlos!

  5. Hier ist Mr M ich finde deine eure Sache,Sachen richtig geil. Ich wünsche dir weiter nur das beste.Und erkälte dich nicht.Bin auf Dehm heim weg,im Auto heitzung an.Mir ist immer noch kalt. Denn aller größten respekt

  6. Jetzt hängen u a im Chimpancodrome(Kletterhalle Frechen), im Krankenhaus Frechen und an anderen Stellen die Poster „Hambacher Forst bleibt“ und es werden noch mehr die nächsten Tage. Mit etwas Glück im Kölner Stadion in der Südkurve, wo 50000 Zuschauer am Samstag zum Heimspiel erwartet werden.
    Das soll Dir weiter Kraft geben…
    LG

  7. Super Aktion. Ich verbreite die Nachrichten vom Baum weiter, sollten möglichst alle UnterstützerInnen tun.

Schreibe einen Kommentar zu thomas Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.