„Die Toten sind keine echten Toten“

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Gestern fand im Bergheimer Kreishaus eine Sondersitzung statt, zur Bewertung der Greenpeace-Studie „Tod aus dem Schlot“, nach der jährlich 3100 Menschen in Deutschland an den Folgen der Kohlekraftauswirkungen sterben. Zuerst wurde vom Kohle-Referenten von Greenpeace die Studie vorgestellt und die Methoden erläutert. Anschließend hielten eine Reihe von Wissenschaftlern (nur Männer) Vorträge, die allesamt die Studie von Greenpeace angreifen sollten, bis auf Dirk Jansen vom BUND, der die in der GP-Studie benannten Gefahren erweiterte zum Beispiel um die Gefahren der Schwermetalle in der Luft.

„Keinerlei Schäden durch Kohlekraftwerke“
Die Wissenschaftler die von den verschiedenen Parteien benannt waren um die GP-Studie zu diskreditieren waren fast ausnahmslos peinlich. Der erste, Puch, von Power Tech (einem Pro-Kohle und Pro-Atom Verband) versuchte darzulegen, wie die Emissionen aus den Kraftwerken seit den 90ern zurückgegangen sind. Dieser Trick wird stets von der Kohlelobby benutzt. Der Rückgang ist aber fast ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die noch dreckigere Ost-Kohleindustrie nach der Wende teilweise abgeschalten wurde. Puch behauptete, dass es keinerlei gesundheitlichen Auswirkungen von Kohlekraftwerken gebe, und versuchte das zu begründen damit, dass es Kohlekraft schon sehr lange gibt, bisher aber noch keine Schäden nachgewiesen werden konnten. Ein sehr schwaches Argument, da ja gerade zwei Studien erschienen sind, die diese Schäden nachweisen, auf die Puch mit keinem Wort inhaltlich eingegangen ist.

„Die Toten sind keine echten Toten“
Als nächstes kam Prof. Dr. med. Thomas Eikmann vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin an die Reihe. Er stellte eingangs fest, dass die von GP in Auftrag gegebene Studie wissenschaftlich sauber sei, dass er lediglich mit den Schlussfolgerungen von Greenpeace Probleme habe. Zum Beispiel weil die Toten keine „echten Toten sind, sondern Risikotote“, auserdem seien es keine gesunden Menschen die da sterben, sondern Menschen, die eh schon krank sind – als ob das dann nicht schlimm wäre. Wer weiß, dass Kinder, schwangere Frauen und ältere Menschen am sensibelsten für die Gesundheitsgefahren der Kohlekraft sind, der_dem stellt sich auserdem die Frage, ob Eikmann gesund definiert als „männlich und im jungen Erwachsenenalter“. Der Rest von Eikmanns Vortrag ging darum, dass nicht die Kohlekraft das größte Problem bei der Erzeugung von Feinstaub sei, sondern der Autoverkehr. Probleme mit Feinstaub gäbe es nämlich nur in verkehrsintensiven Lagen. Wir wollen sicher nicht den Autoverkehr verteidigen, fragen uns aber wie mensch Prof. Dr. med. werden kann, ohne einfachste Zusammenhänge zu verstehen, wie dem, das bei der Rechnung „Hintergrundbelastung“ plus „lokale Emissionen“ beide Beträge gleich wichtig sind. Da die Hintergrundbeslastung sich dadurch definiert, dass sie sich verteilt, ist es logisch, dass es dort wo sie zusammenkommt, mit einer lokalen Belastung für Schwierigkeiten sorgt, das beweist aber nicht, dass die Hintergrundbeslastung egal sei – im Gegenteil.

Kohlekraft macht gesund!
Daraufhin folgte eine unfreiwillige Komikeinlage von Herrn Bannwarth von der Uni Köln. Dieser behauptete tatsächlich, dass nicht das Problem sei, dass die Kohlekraftwerke zu viel Schadstoffe emittierten – sondern: zu wenig!
Mit scharfer Logik „belegte“ Bannwarth, dass Kohlekraft gesund macht: In Ostdeutschland gab es mehr Schadstoffemmissionen aus den Kohlekraftwerken als in Westdeutschland. In Ostdeutschland gab es aber weniger Arbeitsstundenausfälle verursacht durch Bandscheibenvorfälle, prozentual gesehen anhand der gesamten Arbeitsstundenausfälle. Der Fall ist klar: Wir brauchen mehr Kohlekraft.
Auserdem würden Wälder besser wachsen wenn Asche in den Böden sei – wir brauchen mehr Kohlekraft. Die meisten Schwermetalle in der Luft seien gesund – wir brauchen mehr Kohlekraft.
Nun ja, selbst die meisten Politiker_innen schämten sich fremd.

„Diese Methoden kennen wir nur aus den schwärzesten Kapiteln der deutschen Geschichte“
Nach den Wissenschaftlern wurde die Diskussion für die Politiker_innen des Kreistags erföffnet, die begann mit Guido Van Den Berg, der sich auf Greenpeace einschoss, und in Bezug auf das von Greenpeace veröffentlichte Schwarzbuch Kohlepolitik zu dem Ergebnis kam, dass das dortige anprangern der verfilzten Politiker_innen eine Methoden sei, „die wir nur aus den schwärzesten Kapiteln der deutschen Geschichte kennen“. Offenzulegen, welche Politiker_innen der Großindustrie helfen Profite zu machen auf Kosten der Menschen und des Klimas, setzt Van den Berg also gleich mit dem Holocaust. Der Vorsitzende des Kreistags, sagte zurecht und unter Verweis auf die Geschichte seiner Familie, dass er solche Vergleiche nicht mehr hören kann und will. Ansonsten wurde viel moralisiert von den Politiker_innen, dass es obszön wäre, die Gesundheitsauswirkungen in Tote umzurechnen. Am Ende stellte der GP-Referent fest, dass es scheinbar für zu mehr Empörung um Kreistag führ, wenn jemand die Gefahren benennt, als dass die Gefahren verursacht werden.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Willi

    Gut, dass ihr die Experten seid und völlig objektiv und voreingenommen, natürlich auf der Basis einer fundierten Ausbildung und ausreichender Erfahrung (genau wie die Experten von Greenpeace) fundiert Stellung nehmen könnt. Hätten wir euch nicht, wüssten wir gar nicht, wie krank wir sind!

    Eigentlich fühle mich am Tagebaurand, inmitten der 4 „größten Dreckschleudern“ Europas richtig wohl, habe ich doch nur noch nicht gemerkt, dass ich in einem abbruchreifen, von Bergschäden zertörten und von hunderten Tonnen Feinstaub begrabenen Haus völlig verstrahlt meinem Feinstaublungentod entgegen vegetiere…

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