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Persönlicher Rückblick auf die Großdemo am 06.10.18

Mit diesem Text möchte ich mich an den zuletzt veröffentlichten Bericht

anschließen.
Auch hier gilt: Es ist eine persönliche Perspektive, keine allgemeingültige „Wahrheit“.

Als ich am Bahnhof Buir angekommen bin und sich bereits dort die Massen stauen, die zur Großdemo gehen, habe ich einen Kloß im Hals. Ich weiß, dass gerade viele einen Sieg feiern. Aber ich kann mich kaum freuen. Sicher, die Nachricht dass die Rodungen ausgesetzt wurden, hat auch bei mir ein gutes Gefühl hinterlassen. Ein Gefühl von: Hahaha, der ganze Monster-Einsatz der letzten Wochen für den Arsch. Ihr kriegt uns nicht klein, und jetzt dürft ihr nicht mal roden.
Aber der Preis dafür ist so unfassbar hoch. Der Wald leidet unter dem Polizeieinsatz, unter den tausenden Leuten die jetzt hindurch laufen, unter dem Druck ein Symbol zu sein.
Menschen leiden. Unter dem Tod von Steffen. Unter der Gewalt die Polizist_innen ihnen angetan haben. Unter dem Wissen das noch immer Menschen im Knast sitzen, vielleicht noch für lange.

Und dann stehe ich in mitten einer Menschenmenge, die dorthin strömt wo mal mein zu Hause war. Ein zu Hause, das mir über viele Jahre ein Gefühl gegeben hat dass ich zuvor nicht gekannt habe.
Ich will nicht mitgehen, mit diesem Strom von Flaggen, Bündnis 90/die Grünen – die größten Heuchler.
Also gehe ich einen schmalen Weg außen vorbei an der Demo, einen Weg den ich in den letzten Jahren immer gegangen bin, wenn nicht Polizeikontrollen mich einen Umweg gehen ließen.
Auf einmal steht ein Typ vor mir, mit Abzeichen des BUND auf seiner Jacke. Er sagt dass ich hier nicht lang laufen kann.
Warum nicht frage ich.
Weil das so ist, sagt er.
Das ist kein Grund erwidere ich.
Er motzt mich an dass er ja auch keinen Spaß daran hat, aber dass er als Demo-Ordner eben seine Aufgabe erfüllt.
Toller Grund, das sagen die Bullen auch immer. Langsam werde ich sauer, ich will einfach nur weg, hinein in den Wald.
Er wird auch sauer und sagt in herrischem Tonfall: Wenns dir nicht passt, dann geh wieder nach Hause.
Da brennt eine Sicherung durch in meinem Kopf.
Ich brülle ihn an, dass ich genau das vorhabe und dass er mich in Ruhe lassen soll, das der Wald mein zu Hause ist, oder war bevor die Bullen alles kaputt gemacht haben. Und dass mich ein Einsatz von 4000 Cops nicht abgehalten hat dorthin zu gehen. Darum wird er mich sicherlich nicht aufhalten können.
Erschreckt schaut er mich an, macht keine Anstalten mehr mich aufzuhalten.
Noch immer angespannt erreiche ich das Feld auf dem die Bühne steht.
Inmitten der Leute steht eine Hebebühne. Wie ein Hohn ragt sie in den Himmel, wie ein Gruß der Macht, der besagt: Niemals wieder wirst du dich hier wohl fühlen können. Und niemanden interessiert es welche Bilder sich in eure Köpfe eingebrannt haben.
Der Anblick der Hebebühne ist der Tropfen der das Fass zum Überlaufen bringt.
Tränen laufen ungehemmt über mein Gesicht, ich fühle mich so alleine inmitten der Menschen.
Leute mit Flaggen auf denen „Hambi bleibt“ steht laufen vorbei, unbeteiligt oder mit irritiertem Blick.
Ich treffe Menschen aus Buir, denen ich vertraue. Weine, weine in ihrem Arm.
Später gehe ich in den Wald.
An der Stelle wo mal Oaktown war, treffe ich auf 5 Cops.
Ich gehe auf 2m Abstand an sie heran, frage sie ob sie stolz sind auf die Zerstörung. Ein kleiner bulliger Cop flippt direkt aus. Er versucht mich zu packen, sagt ich kriege eine Anzeige wegen Angriff auf Polizeibeamten. Ich weiche aus, motze ihn an dass er sich verziehen soll, dass die Polizei schuld ist an all dem Drama hier.
Erneut versucht er mich zu erwischen, der Rest der Truppe, steht bereit hinter ihm, die Hand am Pfefferspray. Einige Umstehende mischen sich ein, ein Mensch mit Kind auf dem Arm stellt sich zwischen mich und den Bullen. Wären diese Leute nicht gewesen, hätte ich wohl die Nacht in der Zelle verbracht.
Ich bin zu fertig um Danke zu sagen. Die Cops gehen weg, ich setzte mich hin, zittere am ganzen Körper. Vor Wut und Trauer.
Später sitze ich mit anderen unter dem Baum den wir bewohnt haben.
Es gibt keine Worte mehr.
Wir verstehen einander im Schweigen.
Danach gehe ich, nehme meine letzten Sachen und bin so froh weg zu kommen aus der Gegend. Versuche möglichst viele Kilometer zwischen mich und den Wald zu legen.
Aber die Unruhe wächst. Die Trauer bleibt.

Danach war ich immer wieder im Wald. Ich fühle mich fremd. Stoße auf Unverständnis wenn ich sage, dass ich den Wald vermisse selbst wenn ich dort bin.
Der Schwall an Unterstützung überfordert mich, ich erinnere mich noch zu gut an andere Zeiten.
Als wir noch die Bösen waren, die Verrückten, der kriminelle Mob.
Als Baumhäuser nicht gefeiert wurden. Als „Hambi bleibt“ als massive Provokation gelesen wurde.
Jetzt ist alles anders.
Und das ist auch schön.
Es ist schön zu sehen dass neue Menschen aktiv werden, neue Barrios entstehen.
Aber ich weiß noch nicht, ob ich wieder bleiben werde.
Denn auch das Unverständnis, mit dem neue Menschen auf mich reagieren nährt den Schmerz über den Verlust dessen was mal war.
Alles wandelt sich. Und das ist gut. Aber auch schwierig.

Ich wünsche allen Menschen im und um den Wald dass sie weiter kämpfen können.
Denn ohne Konflikt mit dem herrschenden System wird es nie anders werden.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Bei der Großdemo war ich nicht dabei.
    Aber wenn ich den Bericht hier lese, sträuben sich mir schon die Nackenhaare.
    Ich finde das auch sehr traurig und schockierend, dass die Umweltschutzorganisationen und Parteien Euch so links liegen gelassen haben und so verständnislos gewesen sind und Euren Einsatz nicht zu würdigen wissen.
    Auf der anderen Seite hätte es aber schlimmer kommen können, wenn sie Euch den Vortritt gelassen hätten und Euch als Held*innen gefeiert hätten.
    Evtl. hätten sich dann einige von Euch feiern lassen und andere nicht und jetzt würde schon die Sendung Deutschland sucht den Super-Umweltaktivisti im Fernsehen laufen.
    Dann besser so wie es jetzt ist.

    Die ganzen Schulterklopfer*innen sind eh immer genauso schnell wieder weg wie sie gekommen sind, und da es die meisten von Euch ja lange genug gewohnt waren wie Abschaum angesehen zu werden, hätte dieses extreme Wechselbad der Gefühle vielen von Euch sicher auch nicht ganz so gut getan.
    Diejenigen, die ja auch länger dabei waren, haben ja letztes Jahr den erstmalig verkündeten Rodungsstopp im überschaubareren Kreis und deutlich wilder feiern können. Vielleicht ist das der Tag, an den sich viele von Euch zukünftig mit am liebsten zurückerinnern werden.

    Ich bin mir sicher, dass jede*r von Euch selbst am besten weiß, dass es eine gute Entscheidung war, sich für den Hambi einzusetzen und ich bin mir sicher, dass es auch keine*r von Euch bereuen wird und Ihr immer stolz sein werdet, etwas, was so lange unmöglich schien, mit wenigen Menschen gegen eine absolute Übermacht erreicht zu haben. Sicher jedes Mal, wenn Ihr in der Gegend seid.

    Ob alle von Euch das Experiment in dieser Form in der Rückschau als empfehlenswert ansehen, steht vielleicht noch auf einem anderen Blatt.
    Möglich, dass Ihr irgendwann in der Zukunft den eigenen oder anderen Kindern vielleicht nicht auf die Nase binden wollt, dass Ihr mal Umweltaktivistis im Hambi wart, um sie nicht auf die Idee zu bringen, Euch nachzueifern und um ihnen so die ganzen negativen Erfahrungen und die ganze Repressionen und die Gewalt zu ersparen.
    Aber das ist Zukunftsmusik.

    Erstmal müsst Ihr ja unmittelbar Euren Alltag neu organisieren und in den Griff bekommen.
    Ist sicher eine schwere Situation, in der sich viele momentan befinden. Aber Ihr schafft das schon.
    Viel Erfolg.
    Ich hoffe, dass schon auch noch welche weitermachen, weil ihr sehr inspirierend seid und sich Eure zahlreichen Ideen auch gut und einfach umsetzen lassen.

  2. Danke auch für diesen Kommentar. Insbesondere den anderen Blick auf die Aktivität von NGOs (auch im Kommentar, auf den du dich beziehst).

    Der Wald als Heimat. So herausfordernd die Besetzung für dich, für euch war – von einigen Erfahrungen draußen in der Natur, insbesondere beim Übernachten draußen, ahne ihn, dass du, dass ihr unglaublich schöne Momente im Wald erlebt haben müsst.

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