Nachricht aus Neuland #3

Um 16:30 werden die Flutlichter angeschaltet – obwohl es noch hell ist. Später will ein Security-Team in die „Arena“, so nenne ich den eingezäunten Bereich in dem ich mich befinde. Ein Fahrzeug bleibt stecken und erst nach 20 Minuten und mit Hilfe eines anderen Teams kann es einfahren. Zwei liebe und verspielte Hunde springen freudig aus dem Kofferrraum. Die ganze Nacht befinden sich nur die beiden Hunde und ihre mutmaßlichen Bezugspersonen in der Arena, während ausserhalb um den Bauzaun herum an den drei Generatoren immer zwischen 2 und 6 Securities herumstehen, mal mehr und mal weniger Aufmerksam.

Ich ziehe mir die Mütze unter die Augen und schlafe mit einigen Unterbrechungen, die ich nutze um zu checken, ob sich etwas verändert hat. Ich träume, dass Leute einen weiteren Baum besetzen. Am nächsten Morgen wache ich auf, recke, strecke und dehne mich ausgiebig und wünsche allen Umstehenden einen guten Morgen. Keiner antwortet, aber der eine oder andere lächelt oder nickt mir zu und ich spreche die Vermutung aus, dass sie die Anweisung haben, nicht mehr mit mir zu reden. Ich pfeife ein Lied und mache Müsli. Während ich esse, liest mir jemand am Telefon die Kommentare, die unter meinem Bericht von gestern geschrieben wurden vor, über die ich mich sehr freue.

Um dem Heroismus vorzubeugen, möchte ich einige Sachen gleich mal klar stellen: Erstens kenne ich einige Leute, die genau so an meiner Stelle sitzen würden. Zweitens kenne ich einige Leute, die weitaus mutigere Sachen machen, welche jedoch ein Leben lang nicht anerkannt bleiben. An dieser Stelle möchte ich all diesen Menschen danken, die ihre Zeit, Freiheit und ihr Leben aufs Spiel setzen und/oder opfern um kapitalistische und lebensfeindliche (Groß)projekte zu stören, blockieren, sabotieren und aufzuhalten – im Rheinland und auf der ganzen Welt. Was ich hier mache, ist im Grunde „nur“ mit Geduld, Durchhaltevermögen (kommt von allein, wenn du der Meinung bist, das was du tust, bringts) ein bißchen Kletter- und Polizeierfahrung und etwas Vorbereitung verbunden. Drittens ist auch diese Aktion „nur“ daraus entstanden, dass Leute seit mehr als zweieinhalb Jahren den Widerstand aktiv und auch passiv aufgebaut haben. Durch da sein, Durchhalten, Info und Solidaritätsveranstaltungen oder Geld/Sachspenden, durch Mut machen, weitererzählen und selbst Aktionen machen. Alle können Teil des Widerstands sein, egal ob direkt vor Ort oder am anderen Ende der Welt. Ob durch Worte oder Taten. Das macht diesen Widerstand stärker und stärker – und damit möglicherweise erfolgreich. Wir alle können für unser und das Leben anderer kämpfen, wir brauchen keine Superkäfte dazu, bloß einen eigenen Kopf und Willen mit ein bißchen Kreativität, und Hände, um es anzugehen (Hände sind nützlich, aber nicht zwingend erforderlich). Auch können ein paar gute Freunde* und Gleichgesinnte hilfreich sein, und ein Herz, das unterscheiden kann zwischen legal und legitim, und zwischen gut und schlecht. Denn jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle – und alles was du tust, kann eine andere Zelle aktivieren: gegenseitige Hilfe, Respekt, Autonomie, das Band der Solidarität und für mich der Weg der Anarchie.

Ich werde ständig durch unterschiedliche Ferngläser von Securities beobachet. Meistens winke ich dann oder gucke durch mein eigenes Fernglas zurück. Manche finden das ganz witzig, andere reagieren nicht einmal. Wenn ich keine Lust habe, beobachtet zu werden, entziehe ich mich einfach ihrem Sichtfeld, manchmal kommentiere ich, was die da unten oder ich hier oben tue und lache zu ihnen runter. All der Aufwand für nix, ich bleib ja doch hier. Vor dem Zaun führt ein Husky einen Security mit gelber Warnweste (wie sie sie alle tragen) an der Leine. Als eine andere einen Stock wirft, wird er von dem Hund durch die Gegend gezogen, er fliegt geradezu hinter dem Husky her. Die beiden kommen in die Arena und der Hund wird von Leine und Security befreit. Der Mensch ruft ihn immer wieder mit dem Namen „Disko“, doch der schert sich nicht drum, und auch als sie bald zu zweit versuchen ihn zu fangen, entwischt er ihnen ohne Probleme und führt sie an der Nase herum. Immerzu muss ich laut lachen, auch zwei nicht Beteiligte in der Arena lachen ab und zu. Irgendwann lässt sich Disko dann aber doch wieder an die Leine nehmen. Ich stricke ein weiteres Stück an meinen schwarzen Stulpen, esse Erbsen und Möhren aus der Dose zum Mittag und lasse die Gedanken und den Blick schweifen.

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14 Kommentare

  1. meine volle Solidarität aus Stuttgart!

    Das ist Zivilcourage, die leider sehr vielen unserer „angeblichen“ Elite abhanden gekommen ist. Sie rennen leider oft völlig blind der Lobby hinterher, unterwerfen sich irgendwelchen Fraktionszwängen oder verfallen dem sogenannten „Koalitionsfrieden“.
    …die Erde ist nur geliehen, das vergessen sie immer…

    Danke an Dich und Euch im Hambacher Forst:-)

  2. Viel Kraft und Durchhaltevermögen dir und euch!!! Ich fühle Wut und Trauer angesichts der Zerstörung, die ich schon so oft und an so vielen Orten sehen musste, aber unsere gemeinsamen Kämpfe lassen ein Lächeln auf meinem Gesicht erscheinen. Passt auf euch auf, haltet durch aber macht euch nicht kaputt! Wir sehen uns in Wald und Wiese, auf Bäumen und Straßen, auf Baggern und Schornsteinen! Solidarische Grüße aus Magdeburg

  3. Solidarität aus dem niergendwo =)

    bleib stark… grüße auch an disko =)

  4. Ich weiß nicht, wie es ist, auf einem Baum im kalten November staatlicher und privater Gewalt zu widerstehen, weil man einem gemeinwohlschädlichen Großprojekt zumindest symbolisch etwas entgegenhalten möchte. Ich weiß aber immerhin, wie es ist, aus dem gleichen Grund bürgerkriegsähnlichen Zuständen in einem Schlossgarten über viele Stunden hinweg standzuhalten.

    Viel Kraft und, wenn Ihr Glück habt, die verdiente öffentliche Anerkennung wünscht Euch aus Stuttgart

    Ulrike, deren Hochachtung Ihr allemal habt.

  5. Echt super wie konsequent und mutig ihr handelt!
    Freu mich über jeden neuen erfolgreichen Bericht, wobei
    mich das mit Disko am meisten amüsiert hat. 🙂

    Alles Gute!!!

    Solidarische Grüße aus Berlin!

  6. Die Erde ist eine Scheibe – und deshalb heißt der Hund von Scheibenbewohnern „Disko“ – oder ?
    Ob er mal tanzen wird? – Disko, tanz doch mal mit dem Typ am anderen Ende der Leine! – Dreh ein paar schnelle Runden um seine Beine 🙂

    Danke fürs „oben bleiben“ auf dem Baum! – Ich bin bei Dir!

    „Oben bleiben!“ – das wollen auch Kugelbewohner aus der Stau- und Feinstaub-Hauptstadt Stuttgart, die grade von Scheibenbewohnern zu Schuttgart gemacht wird.

  7. Das ist eine von den Aktionen, die anderen Menschen Flügel verleihen können.
    Find den Protest rund um den Hambacher Forst einfach nur großartig und wünsche euch weiterhin viel Kraft, Renitenz, Wärme, gute Laune, ein wenig ********** Energie und ein paar nette Leute 🙂
    Thumbs up!

  8. Yolo! Geilste Aktivistiaustauschaktion ever. Durchhalten! Auf dass die Wasser- und Essensvorräte da oben noch lange halten!

  9. Bringt doch alles nix

  10. Großen Respekt vor der Standhaftigkeit und dem Durchhaltevermögen und auch vor den tollen Tagebucheinträgen!
    Es war schön dabei gewesen zu sein, auch wenn wir nicht mit Allem einverstanden waren.
    Und schöne Grüße von der Künstlerin S., bei deren Ausstellung wir gestern waren und die die Interviews auch mit Dir/euch gemacht hat.
    LG
    Thomas

  11. Jeden Tag aufs neue schaue ich jetzt nach den neuesten Tagebucheinträgen. Und jeder weitere Tag ist ein sooo starkes Zeichen des Widerstandes gegen eine unerträgliche Umweltzerstörung. Was eine einzelne Aktivistin da alles ausrichten kann! Wahnsinn.
    Ich wünsche Dir auf dem Baum weiterhin viel Durchhaltevermögen. Ich hoffe Du hast genug zu essen und zu trinken mit dabei.
    Ja, und ich bewundere auch Deinen Humor dabei. Das ist keinesfalls selbstverständlich wenn da Hunde und Huskys in die Arena gelassen werden. Das ist ja ein wenig wie bei Tribute von Panem… erschreckend.

    Euch allen weiterhin viel Kraft, Mut und Durchhaltewillen! Es ist eine außerordentlich erfolgreiche Aktion in den letzten Monaten!

  12. Hallo! und herzliche und solidarische Grüße auf die Wiese, in den Wald und auf die Bäume! Ihr inspiriert mich …
    danke für euren mutigen und entschlossenen Einsatz

    Bin in Gedanken bei euch (besonders bei der Person auf dem Baum, wenn ich abends in meinem warmen Bett liege)

    haltet durch!grüße!!!

  13. Solidarität aus dem Süden!
    Ich bin jeden Tag in Gedanken im Wald, bei Euch auf den Bäumen und auf der Wiese.

    we are not fighting for nature, we are nature fighting back!

    Viel Liebe und wärmende Gedanken an Euch alle.

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