Gedächtnisprotokoll 30./31.10.

Ich sitze an der Barrikade. Allein. Es ist ung. 10Uhr morgens. Ich höre Böller knallen, da kommen die ersten Menschen wieder und ziehen sich in die Barrikade zurück. Ein Mensch steht davor und „empfängt“ die anstürmenden, aggressiven Securitymänner. Ich empfinde es so, als hätten sie nur auf eine Aktion unserer Seite gewartet, um einen Grund zu haben uns anzugreifen. Ihr Gebärden war so erschreckend, wie lächerlich. Symbolisch hauen sie sich auf die Brust, einige schnappen sich Stöcke und es wird herumgebrüllt. Das Feuer vor der Barrikade wird ausgetreten und dann gehen sie auf die Person los. Gleich mehrere stürzen sich auf den Menschen, schlagen und treten auf ihn ein, werfen ihn zu Boden.

Ich drücke mich aus dem Barrikadeneingang heraus, fange an die Secu´s anzubrüllen, dass sie Mensch in Ruhe lassen sollen, aufhören sollen ihn zu verprügeln, dass sie feige sind mit so vielen auf einen, dass sie von dem am Boden liegenden runtergehen sollen, dass sie sich bescheuert und völlig unangemessen der Situation gegenüber verhalten. Ich versuche einen wegzuschupsen, da reisst mir einer meine Vermummuung vom Kopf, ich spüre Adrenalin und Wut. Ich schreie weiter, zu dem Zeitpunkt wird Gesichtserkennung für mich egal. Ich brülle weiter da schmeißen sich schon einer oder zwei auf mich. Ich liege schnell auf dem Boden, werde in die Pfütze gedrückt, meine Arme werden nach hinten verdreht, ich höre Schreie, sehe die anderen das selbe versuchen wie ich, sehe jemanden zu Boden sinken, ein anderer Mensch beugt sich über die Person. Ein Securitymensch packt mich an der Kaputze und schleift mich hinter die Fräse, die auf dem Weg steht und die ich gar nicht hatte kommen sehen. Der Motor läuft. Ich werde vom Gewühl aus Aktivist_innen und Securitymenschen und aus dem Kamerasichtfeld weggerissen, Meine Jacke würgt, ich werde rückwärts geschleift. Andere Secu´s bespritzen mich mit Pfützenwasser, ich werde durch den Schlamm gezogen. Dann sitzen zwei auf meinem Rücken, fesseln meine Arme mit Kabelbindern, ruppig und schneidend. Sie ziehen sie sehr fest.

Ich kann wieder brüllen, habe wieder Luft. Ich liege auf meinen Schienbeinen, mein Kopf wird in den Matsch gedrückt, ich versuche ihn zu heben und er wird auf den Boden zurückgetreten. Mein Blick ist in Richtung Wald gerichtet, ich höre nur was hinter mir passiert, höre wie andere Menschen auf den Boden geschmissen werden, höre immer wieder „Ich kann nicht atmen! Lass mich atmen!“ und andere Schmerzensausrufe. Auch ich schreie immer wieder: „Sie tun mir weh!“. Ich brülle, sie sollen die Menschen atmen lassen. Ich höre die gezischten Worte des Securitymenschen, während er eine Person hinter mir maltretiert. Er sagt, dass er, wenn er nicht mehr im Dienst ist sie suchen und umbringen wird und andere Abscheulichkeiten. Er zwingt sie zu antworten, sonst schlägt er sie, nennt sie „Baby“. Zwischendurch werden meine Beine langezogen, sodass ich mit hochgerutschtem Pulli in der Pfütze liege. Eine dumme Idee. Ich trete sie, wenn sie an mir vorbeilaufen. Zu dem Zeitpunkt ist meine Kleidung schon durchnässt und über und über mit Schlamm bedeckt. Auf mir sitzt ein Securitymensch, drückt sein Knie zwischen meine Schulterblätter und drückt mit einem Arm auf meinen Rücken oder auf meine Hände. Mein Kopf wird immer wieder auf den Boden gepresst, wenn ich versuche mich zu bewegen, werde ich stärker hinuntergedrückt. Neben mir liegt eine andere Person, sie wird auch sehr ruppig behandelt. Es setzen sich viel zu schwere Secu´s auf sie drauf. Ich kann sehen das sie auch Probleme beim Atmen hat. Ich sehe mindestens vier Secus die dem Anschein nach Pfefferspray abgekriegt haben, sie waschen ihre Augen mit dem Pfützenwasser aus.

Die Situation beruhigt sich ein wenig. Musik ertönt, es sind Menschen in der Barrikade. Ein paar werden noch zusammengetrieben. Ein Bagger oder ein anderes Fahrzeug startet auf der anderen Seite der Barrikade und fährt ohne Rücksicht auf die Warnschilder hinein. Sie gefährden die Leben der Menschen, eine Megafonansprache macht sie darauf aufmerksam. Nach geschätzen zwei Stunden auf dem Boden liegen, kommt die Polizei. Die Barrikade wird umstellt. Einige Kabelbinder werden durch Handschellen ersetzt. Meine auch, da ich, als ich mich aufsetzen durfte, entdecke, dass ich sie mit einer Achtbewegung abstreifen kann. Die vorher vor mir liegende Person ist viel zu eng und außerdem an ihrer Hose gefesselt. Ich sehe ihre Hände. Sie sind blau. Die Polizei hat Pfeffer, Handschellen, Waffen und allerlei anderen Krams dabei, aber nichts zum losschneiden. Erst kurz vor dem Abtransport schneiden sie sie los. Zuerst sitzen wir vor der Fräse, sind erst zu dritt, dann kommt noch eine eingekreiste Person dazu und kurz darauf noch zwei weitere. Wir fragen, was uns vorgeworfen wird. Nach mehrmaliger Aufforderung kriegen wir ein gemurmeltes: „Ach.. Landfriedensbruch mindestens.“ zu hören. Irgendwann wo wir hingebracht werden. Jemand schreit die Informationen den Menschen auf der Barrikade zu. Sehr umständlich werden wir irgendwann ein paar Meter weiter bugsiert und die Fräse fängt auf der anderen Seite des Weges an zu fräsen. Nur ca. 5m von uns entfernt.

Ich sehe mehr Polizist_innen ankommen. Sie haben große Schilde dabei und Hunde. Wir bellen zurück. Nach langem auf dem Boden rumsitzen werden wir letztenendes gegen ungefähr 13Uhr abgeführt. Die Person vor mir wird unnötigerweise nach vorne gedrückt und mit Armverdrehungen abgeführt. Ich darf eigenermaßen frei gehen. Wir laufen an wartenden Menschen und Räumfahrzeugen vorbei. Nach einer kurzen Durchsuchung sitzen wir in Zweierkabinen in einer Wanne. Wir werden nach Düren gebracht. Dort bin ich nur eine Nummer. Erst werden wir fotografiert, dann die Fingerabdrücke abgenommen. Ich werde als Vorletzte in eine Zelle gebracht. Ausziehen, bücken, Schmuck ablegen. Ich merke das mir ein Orhring heraugerissen wurde, ein Ohrläppchen ist geschwollen und verkrustet. Mein Ohr tut weh, vom auf-den-Boden-gedrückt werden. Ich spüre den getrockneten Schlamm überall. Meine Klamotten sind durchnässt und vollkommen dreckig, ich hinterlasse überall Erde. Dann werde ich allein gelassen. Ich ziehe nur meinen Pullover wieder an, der Rest ist zu klamm. Irgendwann krieg ich Wasser und eine Decke durch ein Loch in der Tür. In meiner Zelle ist eine Holzbank und ein Klo ohne Klobrille und Spülung. Ich begutachte meine Verletzungen. Beulen, blaue Flecken und Schrammen an Schienbeinen und am Kopf, geschwollene Handgelenke, leichte Würgemale am Hals. Nach ein paar Stunden werden mir nochmal Fingerabdrücke und Spuckeprobe abgenommen. Ganz nebenbei wird mir etwas von einer scharfen Bombe erzählt, die ich beschuldigt werde gelegt zu haben und die, wenn sie hochgegangen wär, alles im Umkreis von 200m zerstört hätte. Bei der Vernehmung sage ich nichts und unterschreibe nichts, also war der Part schnell vorbei. Mir wird gesagt, dass ich noch dem Haftrichter vorgeführt werden soll. Ich teile mir mit einer anderen Person eine Zelle, weil wir so viele sind. Wir bekommen vier Butterkäsebrote, obwohl wir auf unser Recht auf veganes Essen bestehen. Irgendwann Nachts um ca. drei Uhr werden wir geweckt und von vier Polizist_innen in die Gefangenensammelstelle des Aachener Polizeipräsidiums transportiert. Dort schließe ich aus den Schuhen, die vor den Zellen stehen und aus den Jacken, Rucksäcken und Klettergurten im Vorraum, dass die Barrikade wie erwartet geräumt wurde. In der Zelle dort haben sie mich morgens einmal zum Duschen und zwischendurch für weitere Erkennungsdienstliche Behandlungen (ED) rausgeholt. Als ich nicht alles so gemacht habe wie sie es sich vorgestellt haben meinte die eine :„Wir können sie zwingen. Auch dazu sich auszuziehen um ihre Tatoos zu zeigen“ und da rufe ich, dass das ja kein Problem sei, habe mich schnell nackt ausgezogen, mich im Kreis gedreht und meinte das sie das alles fotografieren können wie sie wollen. Die anderen in den Zellen neben mir habe ich nur durch Rufe, Getrommel und Pfiffe hören können. Zwschendurch höre ich jemanden schreien, der von der ED-Behandlung wiederkommt. Er schreit, dass ihm Körperverletzung angetan wurde und das er ein Anrecht auf Wasser hat. Der einzige Moment in der Zelle, wo ich Angst gekriegt habe.

Morgens habe ich ein Marmeladenbrot (wenigstens vegan) und einen Becher Kaffee bekommen und Mittags eine Schüssel dünne Suppe. Nach ca. 27Std. Haft wurde ich freigelassen, ohne das meine Identität festgestellt werden konnte. Mir werden Verstoß am Kriegswaffenkontrollgesetz, schwere Körperverletzung und schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen.

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5 Kommentare

  1. vielen vielen dank für deinen bericht ich weiß wie schwierig es sein kann soetwas aufzuschreiben und es treibt mir die tränen in die augen wenn ich das hier lese

    alles alles liebe und solidarität aus berlin in den hambacher forst

  2. Meinen Respekt für euren Mut.
    Wünsche euch viel Kraft für alles, was noch kommt!

  3. DDR – Methoden?
    Kriegsmethoden?

  4. Pingback:5 novembre « Forêt de Hambach

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