Erfahrungsbericht zum Containern

Menschen wurden Samstag Nacht vom 16.03. auf den 17.03.2019 beim Containern in Sindorf in der nähe vom Hambi gehindert und von der Polizei gewaltsam angegangen sowie in Gewahrsam genommen.
Dieser Bericht folgte aus einem Gespräch mit Betroffenen.

TRIGGERWARNUNG: POLIZEIGEWALT

Die Menschen berichten, sich an jenem Samstag, wie so häufig, auf den Weg gemacht zu haben, um Lebensmittel aus dem Müll zu holen. Sie berichteten, in der Woche besonders viele lang haltbare Lebensmittel gefunden zu haben, wie beispielsweise mehrere Flaschen Olivenöl, Linsen und einen prall gefüllten Einkaufswagen mit Weizentortilla. – Kaum zu glauben, dass diese Dinge wirklich im Müll landen sollten.

Laut Schilderungen wurden die Menschen von Passant_Innen bemerkt, welche als Reaktion darauf die Polizei kontaktierten. Kurz danach sollen mehrere Beamt_Innen den Parkplatz gestürmt haben. Dabei wurde eine Person nach Angaben mit Pfefferspray über den Parkplatz verfolgt und anschließend Kopf voraus gegen eine Wand geschubst, zu Boden gebracht und dort fixiert. Die Zufahrt zum Parkplatz sei verschlossen gewesen, weshalb gewartet werden musste bis eine Person mit Schlüssel kam um diese zu öffnen. Während dessen habe die Polizei versucht, die fixierte Person, die während der gesamten Zeit auf dem kalten Boden lag, unter dem dünnen Spalt des Tores hindurch zu schieben. Als dies nicht gelang, seien kurzzeitig Überlegungen angestellt worden, die Person über den Zaun mit scharfen Kanten zu heben, bis das Tor dann doch geöffnet werden konnte. Anschließend seien die Menschen abgeführt worden und in einzelnen Streifenwagen in Polizeigewahrsam (GESA) nach Kerpen befördert worden.

Dort berichteten Menschen, in Einzelzellen eingesperrt worden zu sein. Alle Menschen mussten sich nach Angaben ausziehen und wurden nochmals durchsucht. Eine Person berichtet, ihre Pobacken spreizen gemusst zu haben, um eine Drogenkontrolle durchführen zu lassen.
Eine andere Person berichtete, ihr wäre bis auf Unterhose und Unterhemd alles abgenommen worden. Auf Nachfrage, sei dieser Person dann stattdessen ein Ganzkörperanzug aus Polyester ausgehändigt worden.

Im Verlauf der Nacht seien alle Personen mehrmals nacheinander aus den Zellen geführt worden, um eine Fast-ID und eine Identitätsprüfung über Fingerabdrücke, Fotos sowie Körpermessung abzunehmen.
Dabei seien mehrere der Personen gewaltsam zu den Maßnahmen gezwungen worden. Schilderungen beschreiben Anwendung von Schmerzgriffen, teilweise durch mehrere Beamt_Innen gleichzeitig. Personen soll in den Gesichtsnerv gedrückt worden sein, dabei Warnungen, dass dies zu Lähmungen führen könne, ignoriert. Ebenso wurde eine Aussage einer Beamt_in geschildert, wenn das jetzt nicht funktioniere, komme sie auch dazu und springe der Person auf den Arm, und fügte hinzu, dass dieser dabei auch brechen könne.
Eine andere Person schildert, dass ihr angedroht wurde, ihr in die Augen zu fassen und zitiert die Aussage eine_r Beamt_In wie folgt: „Ich hasse es in Augen zu fassen, das fühlt sich immer an, wie eine Leiche anzufassen.“

Der Tatvorwurf wurde den Personen nach ihren Angaben erst später und auf Nachfrage genauer erläutert.
Der Vorwurf lautete angeblich Hausfriedensbruch und schwere Form des Diebstahls.

Zu veganem Essen sei nach einer Nacht in Gewahrsam keine Möglichkeit geboten worden.

Die mitgeführten Rucksäcke seien als Diebesgut beschlagnahmt worden.
Weiterhin sollen auch eine Jacke und Handschuhe von den Personen abhanden gekommen sein.

Alle Personen wurden nach etwas mehr als 12 Stunden frei gelassen. Bei einem Menschen sollen dabei leider Personalien festgestellt worden sein. Dieser sei zur Haftprüfung vorgeführt worden und erst im Anschluss entlassen.

Die Personen die uns zum Schreiben dieses Berichtes bewogen haben, wünschen sich, dass mit der Veröffentlichung dessen auf das Problem der Lebensmittelverschwendung und der Kriminalisierung weggeworfene Lebensmittel zu retten, aufmerksam gemacht wird. Rund ein Drittel aller Lebensmittel, die jedes Jahr produziert werden, werden in Deutschland weggeworfen. Das Retten von Lebensmitteln aus dem Müll wird als eine kriminelle Handlung gesehen und das Wegschmeißen normalisiert. Essen ist Essen solange es nicht verschimmelt ist! Dafür Menschen den Vorwurf eines schweren Diebstahls zu machen, gehört sich gar nicht. Die betroffenen Menschen wollen euch mit dieser Berichterstattung alle auffordern, Containern zu gehen. Geht hinter die Supermärkte, holt euch das Essen und lasst euch nicht einschüchtern! Lebensmittelretten ist eine aktive politische Handlung!

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. In Frankreich ist es verboten, Lebensmittel weg zu werfen.
    In Deutschland ist es verboten, Lebensmittel zu retten.

    Wer das versucht, bekommt es mit unseren Freunden und Helfern zu tun. Und zunehmend auch mit den Freundinnen und Helferinnen.
    Mein Änderungsvorschlag für das Grundgesetz: „Die Würde des angepassten Menschen ist oft unantastbar.“ Ich weiß, das wird nicht passieren, aber es wäre weniger realitätsfern.
    Wenn wir wieder so eine Dürre bekommen wie letztes Jahr, und die Lebensmittelpreise steigen weiter, dann kann das ein Gedränge an den Containern geben. Vielleicht treffen sich da dann auch die, die heute noch die Polizei rufen.

  2. ich bin da auch mal erwischt worden. haben Personalien festgestellt und meinten von sich hören zu lassen. kam aber nix. meinem mitcontainié wurde die handikarte geklaut von der Pozilei. er kam am nächsten tag aus der Gesa. wem das da so passiert ist tut mir leid!!! gehe ca. jeden zweiten tag containern. war eben noch. habe einiges glutenfreies zeug anzubieten und milch. sieht so aus, dass die pozilei hambiaktivisti mehr und mehr kriminalisiert. trotzdem durchhalten. vielleicht mal zu gartentagen und saatgutspende aufrufen. und hoffentlich regnet es im sommer.

  3. Ja, das mit der Kriminalisierung ist wohl tatsächlich so. Recht ist eben beugbar und gilt scheinbar nicht für alle Menschen gleich… Daher wäre es bestimmt super, wenn nicht-im-Wald-lebende Menschen die Besetzung supporten, indem sie containern gehen und eben nicht nach Waldmenschen aussehen, das Zeug aber zum Wald bringen!?

  4. Wieso soll es Diebstahl sein, etwas herrenloses an sich zu nehmen? Denn mit dem „wegwerfen“ haben die vorherigen Eigentümer sowohl den Besitz wie auch das Eigentum an den weggeworfenen Dingen aufgegeben. Das „in dem Müll werfen“ ist nun einmal dezidiert etwas anderes als „verlieren“.

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