Aufruf zum herrschaftskritischen Barrio auf dem Klimacamp im Rheinland

Herrschaftsfrei und Spaß dabei!

Aufruf zum herrschaftskritischen Barrio* vom 31.7.-8.8. im Hambacher Forst.

Dieses Jahr findet im Rheinland wieder ein Klimacamp (3.8.-12.8.) statt.
Es richtet sich vor allem gegen den Abbau und die „Verbrennung“ von Braunkohle.

Parallel dazu (und als Teil davon) rufen wir zum herrschaftskritischen Barrio auf der Waldbesetzung im Hambacher Forst auf. Denn: Umweltzerstörung und Herrschaft sind unmittelbar miteinander verknüpft. Deswegen „retten wir das Klima“ am besten, indem wir Herrschaftsverhältnisse offenlegen und angreifen: diskursiv und in Form direkter Aktionen.
Dies versuchen wir auf der Waldbesetzung in einer bewussten Umgebung (Freiraum).
Die Küche ist vegan, wir versuchen respektvoll miteinander umzugehen und die Bedürfnisse Anderer zu achten.

Hier im rheinischen Kohlerevier, zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen, buddelt der Energieriese RWE an Europas größtem Loch – um Braunkohle zu fördern, den zur Zeit dreckigsten fossilen Energieträger. Diese wird dann mit der Kohlebahn zu den sechs umliegenden Kraftwerken befördert und dort verbrannt. Gemeinsam stellen diese Kraftwerke Europas grössten CO2-Emitter und damit Klimakiller #1 dar. Dass solch massive Eingriffe in unser aller Lebensraum nur durch Herrschaft durchsetzbar sind, zeigt sich am direktesten an der Vertreibung und Zerstörung von Wäldern, Dörfern, Menschen und Tieren hier in der Gegend, die dem wachsenden Loch weichen müssen.
Durch das globale Klimaroulette sind die Folgen jedoch längst nicht mehr auf die lokale Ebene begrenzt. Millionen Menschen werden durch die Verwüstung ganzer Landstriche zu Flüchtlingen gemacht,

Umweltzerstörungen auf ihre sozialen und systemischen Ursachen zu untersuchen, genauso wie andersherum soziale Verhältnisse und wirtschaftliche Systeme, auf ihre zerstörerischen Wirkungen, auf die Umwelt aber natürlich auch auf die Menschen, ist eine Disziplin der Umweltbewegung deren Tradition irgendwann in den 90ern gebrochen wurde, und seither nur noch im Castor-Widerstand konserviert ist. Zumindest im deutschsprachigen Raum, anderswo – besonders im englischsprachigen Raum gibt es seit der Jahrtausendwende genau diese Tradition in der Klimabewegung, aus der heraus die ersten Klimacamps in England entstanden. Die Auseinanderdividierung von umwelt- und emanzipatorischer Bewegungen, im deutschsp. Raum hat die Gründe sowohl in der Tendenz weiter Teile der Umweltbewegung (mit den großen Verbänden und der grünen Partei an der Spitze) hin zur Rolle der Beratung institutioneller Stellen, oder des individuellen Konsums (und einer neuen, extremen Konfliktscheue), aber auch darin, dass emanzipatorische Gruppen, sich weitestgehend aus dem gesamten Feld des Umweltschutzes zurückzogen und es so bereitwillig den Positionen der Verbände überließen. Durch das Fehlen emanzipatorischer Gegenmodelle konnte sich der bürgerliche Umweltschutz nach der Jahrtausendwende als „lifestyle of health and sustainability“ zum Mainstream entwickeln. Den Versuch neuen Gegenbesetzung diesen Feldes aus emanzipatorischer Perspektive gibt es seither nur sehr vereinzelt. Stattdessen werden oftmals genau die bürgerlichen Positionen zum Anlass genommen das Feld des Umweltschutzes als Ganzes per se dem Bürgertum zuzurechnen, anstatt das Fehlen einer emanzipatorischen Besetzung als eigene Schwäche zu erkennen.


Herrschaft und Umweltzerstörung

Die Verfügbarkeit und Kontrolle über Land und Rohstoffe ist – neben der über die Menschen und deren Köpfe – eine unerlässliche Kategorie der Herrschaftsausübung. Umweltzerstörung und die Zerstörung lokaler Lebensgrundlagen gehen damit meist einher (meist, da es auch Konzepte der nachhaltigen Ausbeutung gibt, die aber dennoch eine Disziplin der Fremdkontrolle ist). Das Besondere an der herrschaftsförmigen Zerstörung der Lebensgrundlagen ist, dass sie Perspektiven zur Emanzipation unterhöhlen. Durch die Zerstörung der Möglichkeit auf subsistente Lebensweisen, geraten Menschen in größere Abhängigkeit, denn auch wenn herrschaftsfreie Lebensformen nicht subsistent sein müssen, sollte immer die Möglichkeit auf Subsistenz bestehen, um zu ermöglichen, jederzeit Vereinbarungen zu kündigen. Wenn diese Möglichkeit nicht besteht sind die Beteiligten nicht frei. Herrschaftsförmige Umweltausbeutung bereitet sich also selber den Boden für zukünftige Herrschaftsverhältnisse. Massiv zugespitzt wird das Ganze durch die Klimakrise, die nicht nur auf lokaler Ebene zerstörerisch wirkt, sondern global Lebensressourcen vernichtet. Schon heute findet in vielen Teilen der Welt eine tatsächlichen Verknappung (im Gegensatz zur künstlichen, kapitalistischen Verknappung) von lebensnotwendigen Ressourcen (Wasser, fruchtbare Böden, Landfläche) statt, wodurch die Auswirkungen des Klimawandels schon heute die größte Ursache für Flucht ist. Eine tatsächliche Verknappungssituation erhöht die Wahrscheinlichkeit auf konkurrierendes Verhalten statt solidarischem, obwohl gerade in einer Verknappungssituation solidarisches Verhalten am Notwendigsten ist.

Der menschlich verursachte Klimawandel führt über den Anstieg des Meeresspiegels, durch Wasserknappheit und die Zerstörungen durch Umweltkatastrophen für viele Menschen für einen Verlust ihrer bisherigen Heimat. Dadurch sind bereits heute Flucht und Migration für viele Millionen Menschen eine direkte Folge des vom globalen Norden verschuldeten Klimawandels. Eine logische Konsequenz, und ein Minimum an solidarischem Umgang hiermit wäre die Grenzen für all diese Menschen zu öffnen.
Die existierenden Nationalstaaten beruhen allerdings auf dem Konzept des Ausschlusses. Die durch die Öffnung der Grenzen verbundenen Herausforderungen würden sie nicht verkraften, weshalb sie die Ausgrenzung der Flüchtigen an den Grenzen mit allen Mitteln und aller Gewalt durchsetzen. Das dabei jährlich tausende Menschen bei sterben ist in diesem System daher eine Notwendigkeit zur Durchsetzung und Aufrechterhaltung von Privilegien und Herrschaft.

Perspektive einer emanzipatorischen Klimabewegung – im rheinischen Braunkohlerevier?
Wie bereits erwähnt halten wir derzeit den Anti-Castor-Widerstand für die letzte Oase in Deutschland in der sich herrschaftskritische Strömungen, im Umweltschutz halten konnten (Strömungen hier im Unterschied zu einzelnen Cliquen, die auch andere Umweltthemen aus emanzipatorischer Sicht beackern (Achtung Wortspiel)).
Zwar gab es in den letzten Jahren immer wieder Versuche eine bewegungsorientierte Klimabewegung aufzubauen, die aber nicht Fuß fassen konnte, was vielleicht an einer zu starken Konzentration auf die Mobilisierungen zu einzelnen Großveranstaltungen, wie das Klimacamp in Hamburg und die Klimakonferenz in Kopenhagen, und dabei einer Abgehobenheit der Orgastrukturen zu den Aktionsgruppen lag.

In der aktuellen Entwicklung im Anti-Kohle-Widerstand im Rheinnland sehen wir eine großes Potential für den erneuten Versuch eine radikale Klimabewegung zu etablieren, da der Widerstand breit aufgestellt ist, was wichtig für Synergie-Effekte wie im Wendland ist. Es gibt Kampagnen-orientierte Strukturen, wie ausgeco2hlt, öko-anarchistische Strukturen, auf der Waldbesetzung im Hambacher Forst und es gibt ein Spektrum von Bürgerinitiativen. Das Verhältnis der verschiedenen Spektren ist respektvoll und produktiv und vom Grundsatz getragen Unterschiedlichkeit im Widerstand zuzulassen und zu einem größeren Gesamtbild werden zu lassen. Damit haben wir gute Voraussetzungen langfristig Strukturen wie im Wendland aufzubauen. Außerdem befindet sich der Widerstand gerade in einer Art Explosion – wo noch nicht abzusehen ist wo die Grenzen nach oben sind.

Dieser Aufruf richtet sich an alle emanzipatorischen Aktivist_innen und Gruppen sich im Widerstand im rheinischen Braunkohlerevier einzubringen, oder zu diskutieren ob darin eine Perspektive gesehen wird. Außerdem richtet sich dieser Aufruf an alle Teilnehmer_innen des Klimacamps, sich an einer Debatte mit uns, auf dem Klimacamp zu beteiligen, über die Verknüpfung von Herrschaft und Umweltzerstörung. Mit dem herrschaftskritischen Barrio wollen wir diesen Aspekt in das Klimacamp hereintragen und freuen uns auf Beteiligung.

Mit diesem Aufruf beziehen wir uns zwar in erster Linie auf eine Teilnahme am Klimacamp, wichtig ist uns aber auch zu betonen, dass es für einen langfristigen Widerstand noch wichtiger ist, sich in Aktionsgruppen zu überlegen, mit welchen Aktivitäten mensch sich darüber hinaus am Widerstand beteiligen kann. eine Möglichkeit dafür kann die Waldbesetzung sein, die ab Herbst räumungsbedroht ist. Am wertvollsten sind aber stets eigene Ideen, damit der Widerstand breit und unberechenbar wird.

Aus herrschaftskritischer Perspektive ist außerdem eine thematische Verknüpfung der Energieerzeugung im rheinischen Revier und der Waffenproduktion in Westdeutschland (mit diesem Strom) interessant, genauso wie die Verknüpfung von Klimawandel und Flucht (siehe Antirassistischen Aufruf zum Klimacamp).

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